«Ich war sehr überrascht, als ich ihr neues Haus sah, denn die Compagnons hatten ganze Arbeit geleistet. «
Johannes berichtet vom einfachen Leben, vom Häuser-Bauen und seinem Weg in den Freiwilligendienst. 1. Rundbrief (November 2004)
Johannes Nau
Compagnons Bâtisseurs
Tours/ Frankreich
Rundbrief Nr. 1
Das letzte was man findet, wenn man ein Werk schreibt, ist, dass man weiß, womit man beginnen soll schreibt schon Blaise Pascal (französischer Philosoph, Physiker und Mathematiker).
Bei mir begann alles mit einer großen Unlust: Mitte Januar diesen Jahres hatte ich mein Info-Seminar von EIRENE im Klostern Arnstein in Obernhof/Lahn und da ich gerade eine Absagen in Sachen Zivildienst mitten in Paris bekommen habe und darüber hinaus auch noch das letzte Ferienwochenende war, hatte ich nicht sonderlich Lust darauf. Und es kam wie es kommen musste: dieses, außerordentlich spannende und motivierende, Wochenende wurde der Anfang einer Reise, die so schnell kein Ende nehmen würde.
Noch gefangen vom Zauber und der Atmosphäre bei EIRENE, dem christlichen Friedensdienst, schrieb ich noch am Sonntagabend - wieder zu hause - meine Bewerbung und wurde auf das BAT (Bewerber-Auswahl-Treffen) eingeladen. Jetzt schon überglücklich führ ich dort im Februar hin und machte in den zwei Tagen, wie schon beim Info-Seminar, Bekanntschaft mit anderen (meist) Jugendlichen, die den gleichen Traum wie ich haben und ihn verwirklichen wollen.
Ca. 3 Wochen nach dem BAT bekam ich dann einen Projektvorschlag (d.h. eine Zusage), unterschrieb ich sofort und schickte den Brief zurück. Vorgeschlagen wurden mir die Compagnons Bâtisseurs, von denen ich bisher eigentlich nur wusste dass sie einzelne Zimmer oder auch ganze Häuser sozialschwacher Familien in Frankreich wieder in Stand setzten.
Die Anfänge der Compagnons Bâtisseurs
Um 1952 gründet ein belgischer Priester, namens van Straten, den Verbund Aide à l'eglise en Détresse (kirchliche Notstandshilfe). Die Ursprungsidee war es den 6 Millionen in der damaligen Sowjet Union beheimateten Katholiken eine materielle und spirituelle Hilfe zu geben.
Im Jahre 1953 sollten vom nahrhaften Boden dieses Verbundes dann die Kumpels vom Bau, die Compagnons Bâtisseurs (C.B.) empor sprießen. Die Vereinigung nannte sich nun Association und stellte sich die Aufgabe der dauerhaften Beheberbung der nach dem Krieg obdachlosen Flüchtlinge. Zwischen 1953 und 1974 arbeiteten mehr als 10000 junge Erwachsene aus 45 Nationen auf chantiers (= Baustellen) bei den Compagnons Bâtisseurs.
Nach ihrer internationalen rechtlichen Anerkennung 1962 etablierte sich die Assoziation in mehreren Ländern des ehemaligen Ostblocks und baute seine Aktivitäten weiter aus:
- Direkte Arbeit an Häusern oder Gebäuden, so dass die Leute wieder in ihre Wohnungen zurück konnten.
- oder der Aufruf zur freiwilligen und ehrenamtlichen Hilfe
Die C.B. in Frankreich
Im Jahre 1957 wurde der französische Zweig der CéBé gegründet. In den zwei Jahren zuvor sammelten die Französischen Anwärter der Compagnons schon erste Erfahrungen bei der Organisation von chantiers, in Zusammenarbeit mit einer Vereinigung von Autokonstrukteuren, die sich les castors nannten. Le castor (= der Biber) ist in Frankreich das Symbol für Bastler und Konstrukteure aller Art.
Zu dieser Zeit besteht der Verbund der Kumpels vom Bau nur aus auf nationalem Niveau organisierten Freiwilligen, die alles umsonst machen, und die chantier d'été (Sommerbaustellen) organisieren. So öffnet sich die Assoziation der CB der so genannten éducation populaire (volksnahe Erziehung), um damit auch allen Jugendlichen und Erwachsen egal aus welchem Land einen Ort der Zusammenkunft zu bieten. Möglichkeiten des interkulturellen Austausches zu schaffen, den freiwilligen Weg als Annäherung an manuelle Arbeit zu verbreiten. Natürlich auch um Arbeiten auszuführen um die Wohnungssituation der bedürftigen Bevölkerung zu verbessern, was das eigentliche Hauptziel der Compagnons ist.
Wichtig hierbei ist, dass es sich um die materielle Hilfe auf der einen Seite, aber auch um die moralische Unterstützung der Menschen handelt.
Von den 60er Jahren bis heute: Die Entwicklung der Organisation
Aufgrund der von Ehrenamtlichen lokal organisierten Gruppen waren die Aktionen der CB nicht mehr an die warme Sommerzeit der chantiers d'été gebunden, von diesem Zeitpunkt an konnten Freiwillige das ganze Jahr über in der Form von chantiers week-end helfen.
In den 70er Jahren war die Entwicklung der chantier week-end entscheidende Vorraussetzung dafür, dass man in 4 verschiedenen Regionen einen Freiwilligendienst leisten konnte. Bis 1996 waren alle nationalen Aktionen der CB in Paris organisiert. Danach wurden allen Regionen spezielle Aufgaben zugeteilt.
In Rennes und St. Brieuc (Bretagne) sind die formation nationale (Fortbildungen in verschiedenen Arbeitsgebieten) und die l'insertion socio-professionelle (Resozialisierung mit Hilfe praktischer Arbeit) Schwerpunkte. Es gibt jedoch mittlerweile keine Freiwilligen mehr in St. Brieuc.
In Tours (Centre) befindet sich die Organisation der Langzeitfreiwilligen (Volontaires à Long Terme - VLT), in Marseille l'insertion par l'habitat (Motivation von Bewohnern ihr eigenes Zuhause zu gestalten).
Die Assoziation in Montpellier gibt es erst seit 2002 und ist dementsprechend im Aufbau. Die Assoziation in Paris wurde in den 80er Jahren geschlossen.
Da die einst nationale Aktion jetzt aufgeteilt und regional organisiert wird, wurden Leute angestellt. Die Gruppen von VLTs waren bis 1992 autonom. Dann wurden die sog. animateur technique engagiert, um technische Hilfe und Anleitung zu geben.
Die Aktivitäten der Compagnons
Die Kumpels folgen den Werten der éducation populaire, die sich seit fast 40 Jahren durch Aktionen der Solidarität entwickelt haben. Wobei die konkrete Hilfe auf die Organisation und Durchführung von Sozialbaustellen gerichtet ist. Auf diesen Baustellen helfen Freiwillige Familien mit ökonomischen und sozialen Problemen, ihr Zuhause wieder bewohnbar zu machen.
Heute sind die CéBé eine rechtlich anerkannte Gemeinschaft, mit einer nationalen Ebene und einem Posten eines nationalen Koordinators, der im Sommer 2004 sein Posten bezogen hat.
Die Compagnons bieten den VLTs jedes Jahr verschiedene stage techniques an, auf denen man sich bautechnisch weiterbilden kann. So gibt es neben éléctricité, plomberie (Klempnerei), charpente (Dachstuhl), couverture (Dachdecken) auch carrelage (Fliesenlegen) oder peinture et papier paint (Malern und Tapezieren). Jeder Freiwillige hat die Möglichkeit innerhalb eines Jahres an zwei solcher stages teilzunehmen.
Man unterscheidet bei den CB fünf verschiedene Sektoren der Arbeit:
1) Chantier d'été, sind Workcamps in drei Sommermonaten mit speziell ausgewählten Projekten, auf denen internationale Jugendliche in Gruppen von 8 -12 Teilnehmer ihre Sommerferien mit arbeiten verbringen. Die Leitung und Organisation liegt fest in der Hand der Langzeitfreiwiligen der CB.
2) Wiedereinfügung sozial benachteiligter Familien. D.h. die Compagnons verbessern die Wohnsituation von Familien oder Alleinstehenden und versuchen sie so mehr (oder wieder) in die Gesellschaft einzugliedern.
3) Reintigrierungsmaßnahmen von benachteiligten Jugendlichen, indem ihnen Arbeit und eine gewisse handwerkliche Bildung gegeben wird.
4) Einmal im Monat organisieren die Volontaires à Long Terme chantier week-ends, um auf (oft bereits abgeschlossenen) chantiers Kleinigkeiten zu reparieren. Dabei ist die Partizipation von bénévoles, Freiwillige außerhalb der Assoziation, sehr wichtig.
5) In den ateliers quartiers geben die CB den Einwohner von Wohnblocks Hilfestellung, um ihre Wohnungen zu renovieren. Dabei ist vor allem wichtig, dass sich die Familien gegenseitig helfen und so in Kontakt kommen
In jedem Sektor spielt der Gedanke der Solidarität eine sehr große Rolle. Gegenseitige Hilfe und vor allem avec et non pour (mit und nicht für). D.h. die Familien unterstützen die Compagnons dabei, ihre eigenen Wohnungen oder Häuser zu erneuern und wenn sie nur das gemeinsame Mittagessen zubereiten. Dies ist Grundvoraussetzung damit die CB ein chantier bestreiten und wird vertraglich festgehalten.
Projektreise (02. 11. Mai)
In der ersten Maiwoche dann fuhr ich nach Tours, um mir für eine Woche mein Projekt anzuschauen. Leider gab es, wie schon den ganzen Monat zuvor kein chantier, da kein Geld vorhanden war. Also strichen wir innerhalb der ateliers quartiers eine Wohnung und reparierten Fahrräder.
Außerdem durfte ich zu einer Vertragsunterzeichnung mitkommen. Das Haus, was wir besuchten, gehört Madame Noyau, eine Rentnerin, die alleine in der Nähe von Sorigny lebt. Als ich die Umstände sah wie sie schon seit Jahren lebt, war ich geschockt. Von der Küche bis zum Schlafzimmer war alles total verdreckt und ein Badezimmer hatte sie erst gar nicht. Die Compagnons wollten ihr ein Bad (mit richtiger Toilette!) anfertigen und Küche und Schlafzimmer renovieren.
Obwohl ich während dieser Woche eigentlich überhaupt nicht die richtige Arbeit der C.B. sah, wusste ich, dass es mir hier gefallen würde. Darüber hinaus war ich mir mit der Entscheidung, in welche Region ich gehen wollte, sicherer. Tendierte ich vorher noch in Richtung Marseille, wollte ich jetzt nach Tours, da mir dort die familiäre Atmosphäre in der Assoziation (das Büro, umgangssprachlich auch einfach Asso genannt) sehr gut gefiel und sich die Arbeit mehr auf ländliche Gegenden und ganze Gebäude bezogen und nicht nur wie in Marseille - das Streichen eines Appartements bedeuteten.
Ausreisekurs EIRENE (05. 17. September)
Noch die einzigartigen Erfahrungen der letzten Seminare im Hinterkopf, fuhr ich voller Vorfreude am 05. September auf den Ausreisekurs in Neuwied, denn ich wusste einfach wie genial es werden würde. Gegen Abend angekommen, verstanden sich alle auf Anhieb blendend und man hatte sich viel über Motivation, Projekt, Ängste und Hoffnungen zu erzählen und auch das Programm, welches am nächsten Tag von den drei Teamern, bestehend aus Friedemann, Johanna und Martin, vorgestellt wurde, versprach so einiges interessantes. So bekamen wir, immerhin 25 Freiwillige, nebst Informationen über Technisches und Versicherungen, auch Gedankenanstöße zu Zukunftsvisionen (Bilder im Kopf), Lebensweg, Phasen des Dienstes und Konflikten im Projektalltag.
Außerdem hatte jeder die Möglichkeit letzte Fragen im Einzelgespräch zu klären und jeden Tag an Meditation und Küchendienst teilzunehmen. Darüber hinaus wurde uns die Dienststelle von EIRENE in Neuwied vorgestellt, das Thema Gewaltfreiheit und darstellung erarbeitet und ein Planspiel in Sachen Entwicklungspolitik durchgeführt. Besonders interessant war auch der Besuch des ehemaligen Geschäftsführers von EIRENE, welcher uns viele Informationen über das Thema AIDS gab, da er selbst infiziert ist und sich in der Deutschen Aids Hilfe engagiert.
Nach dem Umzug am Freitag in die Bannmühle in Odernheim/Glan trafen die so genannten Paten (ehemalige Freiwillige von EIRENE) ein, um uns zusätzlich mit Eindrücken und Informationen ihres Auslandsjahrs zu bereichern.
Der für mich persönlich wichtigste Teil bestand in der Fremd- & Selbstwahrnehmung. Vier Teilnehmer beantworten einer fünften Person diverse, sehr persönliche Fragen. Sie drehen sich um den ersten Kontakt, das Kennen lernen, die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen und mit unklaren Situationen umzugehen. Alles natürlich auch auf unseren Auslandsaufenthalt bezogen. Wir hatten dafür gute 4 Stunden Zeit. Unsere Gruppe brauchte 11 Stunden, denn wir sahen mehr darin als einfach nur das abarbeiten der Fragen und wichen oft ab, um uns die ein oder andere (persönliche) Sache zu erzählen. Meiner Meinung nach hat sich in unserer Gruppe während dieser Zeit etwas sehr vertrautes entwickelt, und dass obwohl wir uns gerade mal eine Woche kannten.
Die Abende waren (fast) alle mit einem lockeren Programm bestückt. Für den Regionalen Abend brachte jeder eine Spezialität seines Wohnorts mit, beim Referentenabend zwängten sich 25 Freiwillige plus drei Teamer und Ralf (der Referent des Nordprogramms) in dessen Wohnung und verbrachten einen lustigen Abend. Unseren freien Abend nutzten wir, um den nah gelegene Irish-Pub aufzusuchen und teilweise beim Karaokeabend mitzumachen. Auch die Agape-Feier (alltägliche Dinge werden sakralisiert), bei der jeder ein persönlichen Gegendstand (Text, Musik, etc) vorstellte, war ein voller Erfolg.
Die Vorfreude nach diesen zwei Wochen der intensiven Vorbereitung und des Austausches untereinander und das Versprechen in Emailkontakt zu bleiben, konnte uns nur wenig über den schweren Abschied hinwegtrösten, denn wir sind wirklich zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden.
Wie wahrscheinlich jeder andere auch wäre ich dennoch am liebsten sofort vom Ausreisekurs nach Frankreich gefahren, doch so blieb mir noch Zeit in Ruhe zu packen, mich von Freunden zu verabschieden und dann am Mittwochabend in strömendem Regen in Köln in den Bus zu steigen, der mich in der Nacht nach Tours bringen sollte.
Période d´essai (Zeitabschnitt des Testens)
Nach einer unbequemen Nacht, mit einer halbstündigen Verspätung in Tours angekommen, lief ich zum Appartement der VLTs, da mein Vorgänger mich offensichtlich vergessen hatte. Dort angekommen wurde ich von Damien und zwei verwirrten Japanerinnen, die noch vom chantier d´été übrig geblieben waren, begrüßt. Nach einem kurzen Besuch in der Asso ging ich wieder zurück, um noch ein wenig (es wurden 18 Stunden ohne Unterbrechung) zu schlafen.
Die nächste Woche verbrachte ich mit den anderen neuen Freiwilligen (Estelle, Blandine (beides Französinnen) und Jules (Kanadier), bei Madame Noyau, die ich ja schon im Mai kennen gelernt hatte. Ich war sehr überrascht, als ich ihr neues Haus sah, denn die Compagnons hatten ganze Arbeit geleistet. Neben einem neuen Badezimmer, hatten sie die Küche komplett renoviert und die ganze Elektrizität erneuert.
Meine Aufgaben waren die restlichen Türen zu streichen, mit Matthieu die Elektrizität vollenden und eine Dränage mit Estelle legen. Darüber hinaus schaufelten wir Unmengen Sand und Kies in eine selbst gebaute Kläranlage für Madame Noyau´s Abwässer. Den anschließenden Muskelkater konnte ich schnell vergessen, denn ich war schließlich zum Arbeiten hier und es machte mit den insgesamt fünf anderen VLTs eine Menge Spaß.
Der Freitag war wie er in Zukunft auch immer sein wird der Tag in der Assoziation, d.h. mehr oder weniger administrative Arbeit, wie chantiers organisieren oder Material kaufen.
Am Wochenende bereiteten wir schon die stage initial vor. Dieses Einführungsseminar der CB, wo alle neuen Freiwilligen zusammenkommen, um die Compagnons und die Arbeit näher kennen zu lernen, fand in einer, in der Nähe von Tours gelegenen Ruine statt.
stage initial (05. 24. Oktober)
Die Ruine, mit dem nichts sagenden Namen La Perrellerie liegt zwischen Loche und Montrésor (südlich von Tours). Die C.B. Centre haben sie dieses Jahr, trotz notorischen Geldmangels für 60.000€ gekauft, um einen isolierten Ort zu haben, wo man viel arbeiten kann und später Seminare und stage techniques abhalten kann. Das project centre rural soll auch ein Vorzeigeobjekt für eine ökonomische Lebensweise werden, doch die Finanzierung ist sehr schwierig.
Mitten in der französischen Pampa angekommen, lernte ich schnell die anderen Neuen kennen und uns wurde auch gleich ein volles Programm vorgestellt. Leiter war Sylvain Leest, der Koordinator der VLTs der in Tours sein Büro hat. Das Programm beinhaltete neben der Geschichte der CB, den secteur VLT und Arbeiten an der Ruine, auch Vorstellungen von anderen Organistationen, wie MAN (Méthodes pour une Alternative Non-violente Methoden für eine gewaltfreie Alternative) oder ADEME (Agence De l´Environement et de la Maiture de l´Énergie Agentur für Umwelt und Energieeinsparungen).
Da die Perrellerie wirklich nur aus den Überresten von vier Gebäuden bestand durften wir zehn neue VLTs (im Oktober!) in Zelten übernachten. Die Nächte waren dementsprechend kalt und wir haben an einem frühen Morgen ganze 5Grad Celsius gemessen. Zum Glück gab es genug Decken und so stieg deren Anzahl proportional zur Anzahl der Nächte, bis ich es dann in der 4. Nacht aushalten konnte.
Darüber hinaus gab es kein warmes Wasser, nur ein Plumpsklo und keinen warmen, geschlossenen Raum. Und das für knapp drei Wochen im Herbst. Zumindest konnten wir allabendlich in der Sporthalle im nahe gelegenen Montrésor warm duschen.
Wir waren ja nicht nur zum reden (was wir, nebenbei gesagt, ziemlich oft taten) hier, sondern auch zum arbeiten; also kam Gérard, der animateur technique von Tours, um uns über Sicherheit auf dem chantier zu informieren und mit uns kleinere Reparaturen durchzuführen. Da er leider krank wurde, nahmen wir das Einbauen von Fenstern, das Überdachen einer kleinen Werkstatt und diverse andere Kleinigkeiten selbst in die Hand. Dabei machten wir vier Deutschen Bekanntschaft mit der französischen Arbeitsmentalität, die in vielen Punkten nicht mit der deutschen übereinstimmt. So wurden viele Dinge angefangen aber nicht beendet oder nur provisorisch gemacht.
Nach zwei Wochen kamen dann, ... die alten Freiwilligen, die jedoch erst die Hälfte ihres Dienstes geleistet haben und noch bis zur nächsten stage inital im Februar bleiben. Sie stellten die einzelnen Regionen vor und zogen Bilanz aus ihren bisherigen Erfahrungen. Ich bekam dabei das Problem, dass ich mir mit meiner Regionsentscheidung nicht mehr sicher war. In Rennes haben die VLTs ein ganzes Haus für sich und kommen jeden Abend wieder zurück, d.h. sie haben mehr Freizeit. In Tours wohnen sie in einem kleinen Appartement und schlafen oft in der Nähe der chantiers, um nicht jeden Abend fahren zu müssen und so Geld zu sparen.
Entschieden habe ich mich letztendlich dann, während der Abschlussbilanz, doch für Tours, weil ich sowohl die Freiwilligen dort, als auch die Assoziation und das Appartement schon kannte. Diese Entscheidung habe ich bisher noch nicht bereut.
Die Fete am letzten Abend war dann ein schöner Abschluss und ich war froh, dass die drei Wochen ewigen Frierens und Feuchtigkeit vorbei waren. Außerdem konnte ich es kaum erwarten endlich mit Blandine, Estelle, Damien und Matthieu nach Tours zu fahren und dort mit der Arbeit anzufangen.
Die ersten Wochen
Wie schon vorher angedeutet wohnen wir fünf VLTs in einem nicht allzu großen Appartement im vierten Stock der wunderschönen Hochhaussiedlung Les Sanitas mitten in Tours. Es gibt drei Schlafzimmer und ich als le petit allemand (der kleine Deutsche) genieße die Vorzüge des einzigen Einzelzimmers. L´appart ist ca. 10 Gehminuten von der Assoziation entfernt. Diese besteht aus ca. 10 salariés (Festangestellte) und einer Handvoll Ehrenamtlichen. Das besondere an der Assoziation Tours ist die familiäre Atmosphäre. So wird man oft zu privaten Feiern und Veranstaltungen eingeladen und isst gemeinsam zu Mittag, sofern wir nicht auf einem chantier sind.
Im Appartement eingerichtet, gingen wir die nächsten Wochen eher ruhig an: die Asso kennen lernen, das neue chantier bei Familie Fougeray besichtigen und das Alte bei Madame Noyau beenden, wo wir noch die Abwasserrohre legen und vergraben mussten.
Das neue chantier
Die siebenköpfige Familie Fougeray wohnt auf einem großen Bauernhof nahe Sonzay nördlich von Tours. Unsere Aufgabe ist es das komplette Badezimmer in einem Anbau zu erneuern. Außerdem werden wir den darüber liegenden Dachstuhl renovieren und das Dach neu decken.
Wir begannen Anfang November das alte Badezimmer, inklusiv Badewanne, Toilette, Trennwänden und Lehmdecke rauszureißen. Diese staubige Demontage machte mir besonders Spaß, denn wer zerstört schon als Zivi ein Badezimmer und erneuert es anschließend?
Das Mittagessen bei Familie Fougeray genießen wir in vollen Zügen, denn neben hausgemachten Pasteten und frischer Kuhmilch, gibt es auch mal eine 7-kilo Ente. Da der Herr des Hauses den ganzen Tag arbeitet und nur zu einem schnellen Mittagessen vorbei kommt, helfen Madame Fougeray und ihre beiden jüngsten Söhne Jordan, 12 Jahre und Pierre, 2 Jahre tatkräftig mit.
Wir haben von der Stadt Sonzay einen ehemaligen Raum der Feuerwehr bekommen, wo wir in unregelmäßigen Abständen, während der Woche übernachten, um nicht immer die 45 Minuten nach Tours fahren zu müssen. Nach einer Woche fuhr ich dann nach Rennes auf die stage éléctricité, eine Fortbildung in Sachen Elektrizität.
Stage éléctricité
Sonntagabend in Rennes angekommen bestaunte ich als erstes das Haus der VLTs dort. Sie haben ein riesiges Anwesen mit Garten für sich alleine. Am nächsten Tag ging es dann zur so genannten platform, wo alle Fortbildungen stattfinden. Gael, der Leiter, erklärte uns fünf Freiwilligen zunächst die Grundlagen der Elektrizität, die ich mit kleineren Ausnahmen schon aus der Schule kannte. Neben dem theoretischen Teil, durften wir auch vier Zimmer mit Licht, Strom und Telefon verkabeln und danach natürlich alles im Sicherungskasten zusammenfügen. Schon vor der stage wurde ich mehr oder weniger für die gesamte Elektrizität bei Familie Fougeray verantwortlich gemacht und freute mich dann auch darauf, da mir das Hantieren mit (immer isoliertem!) Schraubenzieher, Sicherungen und Steckdosen sehr viel Spaß machte.
Allgemein
Allgemein habe ich mich hier recht gut eingelebt. Anfängliche Sprachschwierigkeiten verfliegen immer mehr und ich lerne Tag für Tag Neues dazu. Und bei vier französischen Mitbewohnern habe ich auch (kaum) die Möglichkeit Deutsch zu sprechen. Ich lerne sogar Wort, die man in keinem Wörterbuch findet. So kann man zum Beispiel machintrucbidulechouettechose nicht wirklich übersetzten, da es einfach eine Aneinanderreihung verschiedener Wörtern für Ding oder Sache ist.
Mir geht es hier richtig gut und die Arbeit auf dem Bau macht mir sehr viel Spaß.
Ich hoffe ich konnte euch mit meinem ersten Rundbrief einen kleinen Einblick in mein neues Leben in Tours geben. Damit ihr euch zumindest meine Mitbewohner und arbeiter vorstellen könnt, findet ihr im Anhang noch eine kurze Beschreibung meiner équipe.
...
Abschließend möchte ich mich noch sehr sehr herzlich bei euch bedanken, da ich ohne eure Spenden das alles nicht erleben könnte.
Johannes Nau
Meine équipe in Tours
Blandine, 23 Jahre, aus der Bretagne. Blondinette hat als medico-social secrétaire gearbeitet. Will hier gegen den Willen ihrer Familie handwerkliche Tätigkeiten lernen. Vor allem interessiert sie sich aber für den sozialen Kontakt mit den Familien.
Estelle, 26 Jahre, aus der Nähe von Orléans. Mami (aufgrund ihres Alters) hat nach der Schule auf dem elterlichen Bauernhof Schafe gehütet und ein Jahr auf einem Bauernhof in der Nähe von Heidelberg gearbeitet.
Damien, 22 Jahre, aus Paris. Dam ist schon seit Februar 2004 bei den Compagnons und überlegt noch ein halbes Jahr zu verlängern. Seine Wochenenden verbringt er gerne in Paris oder in seinem Zimmer vor seiner Playstation.
Matthieu, 22 Jahre aus Nimes. Er hat vor den Compagnons sein Architekturstudium beendet und wäre eigentlich im Oktober ´04 fertig gewesen, hat aber ein halbes Jahr verlängert. Danach wird er nach Palästina und Israel reisen, um dort, ein chantier d´été zu organisieren.
Gérard, sehr alt aus St. Avertin bei Tours. Gégé ist unser animateur technique, wobei er seinen Namen als animateur wirklich verdient hat, da er mit spontanen Yoga-Übungen und multilingualen Kampfschreien die Stimmung auf den chantiers mächtig hebt.
Und ich, noch 19 Jahre, der einzige Deutsche, auch noch der Jüngste und sehr erwartungsvoll hinsichtlich des kommenden Jahres. Mir gefällt es in meinem Projekt supergut und ich bin wirklich froh hier zu sein.
Mehr Info: EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst