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Aus einer Lebensgemeinschaft mit behinderten Menschen
Ethisch angesagt, gesetzlich vorgeschrieben: Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen

Ellen Uhrhan berichtet von ihren ersten Erfahrungen aus “einer Gemeinschaft mit Behinderten und Nichtbehinderten.” (Herbst 2004)

Nun sind schon fast 3 Monate vergangen seit ich hier angekommen bin. Ich habe nicht lange gebraucht bis ich mich hier eingelebt habe. Ich wurde sehr gut empfangen und aufgenommen. Mein Zimmer habe ich gleich am ersten Tag bezogen und häuslich eingerichtet. Hier bin ich nun in der Arche Dublin, die aus zwei Haeusern besteht in denen jeweils vier Behinderte(hier werden sie core member = “Kernmitglied” genannt) und 5-6 Freiwillige leben. Eine Gemeinschaft mit Behinderten und Nichtbehinderten. Wir sind alles normale Freiwillige und keine ausgebideten Psychologen oder Paedagogen, was das Leben hier manchmal chaotisch aber doch sehr familier macht. Wir versuchen einfach nur auf gute Weise zusammen zu leben und die Behinderten in eine normale Welt zu integrieren.


Ein typischer Tagesablauf in der Arche…..

Jeden dritten Tag steh ich morgens um 7.30 Uhr auf, schaue dass Caroline nicht wieder verschlafen hat. Dann geh ich zur Teresa ins Zimmer, ziehe die Vorhaenge zurueck und weck sie auf. Meistens werde ich mit einem ”good morning” geweckt und bekomme eine liebevolle Umarmung. Was den Tag schon von vorne herein besser erscheinen laesst. Wenn sie sich dann mal aufgerafft hat aufzustehen geht sie ins Bad um sich ihre Zaehne zu putzen. Auf dem Weg sagt sie mindestens zehnmal “good morning” vor sich her. Anschliesend setzt ich mich zu ihr aufs Bett und schau ihr zu wie sie sich anzieht. Meistens muss man sie ab und an mal wieder motivieren wenn sie gerade mal wieder mit ihren Gedanken abschweift. Anschliessend mache ich Carolines Haare, helfe ihr die Jacke anzusiehen und die Fussstuetzen an ihren Rollstuhl zu machen. Sie verlaesst als erste das Haus. Seit ein paar Wochen faehrt sie selbstaendig mit dem oeffentlichen Bus zu ihrem workshop. Anfangs sind wir mit ihr gefahren und dann hat sie es ganz alleine geregelt. Sie ist leider nie zu unserem morning meeting anwesend. Wir versammeln uns alle um acht Uhr morgens im Wohnzimmer. Dort brennt schon eine Kerze und ein Assistent zusammen mit einem Coremember leiten das meeting. Erst wird relaxed, kombiniert mit Meditationsmusik und einer Atemuebung. Dann wird ein Gebet vorgelesen aus Jean Vaniers (Gruender der Arche) Kinderbibel. Anschliesend ist jeder herzlich Willkommen ein eigenes Gebet zu sprechen. Und dann wird der Runde nach gefragt wie es einem geht und was fuer Plaene anstehen. Es wird vom Wochenplan abgelesen wer kocht, wer sein Waeschetag hat, wer frei hat und ob Gaeste kommen. Hier ist es sehr wichtig die Behinderten mit einzubeziehen, denn schlieslich ist es ihr zu Hause und sie wollen auch wissen was passiert.

Teresa und die meisten Freiwilligen haben nach dem morning meeting ihr Fruehstueck. Dann heisst es fuer uns putzen. Teresa zu ihrem workshop bringen, der nur zwei Haueser weiter ist. Nhan muss auch immer zu seinem Arbeitsplatz gefahren werden und Michael wird ins Hospital gefahren und am Abend wieder abgeholt. Was fuer mich heisste Uebung im Linksfahren. Dann haben wir meistens Freizeit oder erledigen was so ansteht. Um 12 Uhr ist dann Lunch angesagt. Jeder bediehnt sich im Kuehlschrank, denn meistens Essen wir nur Abends warm. Nhan, ist sehr fixiert auf seinen geregelten Tagesablauf, er isst zur lunchtime immer 6 Scheiben Toast mit Coleslaw (Weisskohlsalat mit Mayodressing, typisch Irisch). Und der Tee danach darf bei den Iren natuerlich nicht fehlen.

Um 3.00 Uhr wird Teresa wieder von ihrem Workshop abgeholt. Und so trudeln alle langsam aber sicher wieder ein. Anschliesend wird gemeinsam den Kochloeffel geschwungen und dann wird gegessen. Danach haben wir eine kleine Relfelktionsrunde, in der jeder von seinem Tag erzaehlen oder auch ein Gebet sprechen kann.

Abends vertreiben wir unsere Zeit mit “Mensch aergere dich nicht”, Basteln, Malen, Kino oder auch ins Pub gehen.


Was passiert so in einer Woche…..

Jeden Montag haben wir ein Houseleadermeeting. Dort treffen sich die “Gemeindeleitung” und die beiden “Hausleiter”. In meinem Fall waere das Iza , sie ist 25 und kommt aus Polen. Ich versteh mich sehr gut mit ihr. Wir haben meistens den selben Abend frei und gehen ab und an zusammen Dublin unsicher machen. In dem Treffen wird Organisatorisches geklaert und aktuelle Dinge disskutiert.

Dienstags haben wir dann ein Teammeeting. Dort wird dann aktuelles vom Vortag vorgetragen und ueber die Situation im Haus geredet. Abends ist dann unsere “Hausnacht” angesagt. Jede Woche organisiert von jemand anderem, unternimmt dass Haus gemeinsam etwas. Wir gehen ins Pub, Bowlen, Kino, was auch immer von den verschiedenen Leuten organisiert wird. Vor allem auch nach Prioritaet des mit entscheidenen core member.

Mittwochs haben wir entweder eine Art Weiterbildung in verschiedenen Bereichen. (Erste Hilfe, Psychologie, Verhaltensweisen, etc.) oder aber wir haben so etwas wie “Faith sharing”. Dort setzten wir uns mit Sister Aileen (community leader) und Father Joe (unser community Pfarrer, der bei uns im Garten wohnt) zusammen und reden ueber unseren Glauben und die Zeit in der Arche. Die Arche ist eine christliche Gemeinde. Doch hier sind alle Religionen willkommen. Ich lebe zum Beispiel mit Govinda zusammen, er kommt aus Nepal und ist Hindu.

Donnerstag Morgen steht den Assistenten zur verfuegung um gemeinsame Unternehmungen zu starten. Wir koennen gemeinsam ins Kino gehen, Badminton spielen, worauf wir auch immer Lust haben. Diese Sachen werden dann auch von unserem “pettycash” gezahlt, dass jedes Haus bekommt und damit zu recht kommen muss.


Monatliche Events in L'Arche…

Jeden ersten Dienstag im Monat haben wir eine “community mass”. Die Messe findet im Wohnzimmer vom anderen Haus statt. Wir alle organisieren sie gemeinsam und versuchen sie extra fuer die Behinderten vorzubereiten. Hier zu ist jeder herzlich eingeladen. Seien es Freunde, Verwandte oder Bekannte. Anschliesend gibt es fuer jedermann Tee und Kekse. Man kann es kaum glauben, aber die Iren trinken noch mehr Tee als die Englaender.


Was habe ich sonst schon in L'Arche erlebt?

Ich hatte das Glueck nach 2 Wochen schon meinen ersten Urlaub mit den Leuten zu verbringen. In Irland ist August der typische Urlaubsmonat. Somit hatten auch unsere Coremember zwei Wochen frei. Es gab 2 Gruppen. Die eine Gruppe die hauptsaechlich aus unserem Haus bestand, hat mit der Arche Cork ein Haus gewechselt. Dass heisst eine Gruppe von Cork wohnte in unserem Haus. Marta, Caroline und ich waren in der anderen Gruppe die eine Woche in Dublin blieben und dann im County Leitrum Urlaub machten. Der Aufenthalt im anderen Haus war total anders. Unter den Assistenten gab es viel mehr Konflikte. Und das Aalarmsystem hat unseren naechtlichen Schlaf gestoert. Hier in Dublin, hat jedes Haus ein Alarmsystem, dass die Einbrecher abschrecken soll. Hier in unseren Haeusern ist es sogar mit der Polizeistation verbunden. Dass heisst fuer uns kein Fenster oder keine Tuer in der Nacht oeffnen. Wenn man spaet Heim kommt sollte man sich immer an den Coder erinnern.

In Leitrum selber war es sehr schoen. Ich war inzwischen schon Autofahrer, was hier sehr gefragt ist. Ich habe also eine Fahrstunde auf der linken Seite bekommen und dann noch mit Tomek oder John im Van geuebt. Schieslich war ich berechtigt ganz alleine auf der linken Seite den Bus zu fahren. Naja hoert sich jetzt einfacher an als es ist. Denn die Iren fahren wie die Kaoten. Wenn man auf einer Kreuzung rechts abbiegen will (also so wie wenn man bei uns links abbiegen wuerde) muss man sich mit den entgegenkommenden Fahrern verstaendigen ob die vor einem oder hinter einem abbiegen wollen. Was natuerlich viel unlogischer ist und trotzdem hier haeufiger praktiziert wird. Die Strassen hier kann man auch nicht mit den unsrigen vergleichen. Was ich bei uns immer als schmale Strasse bezeichnet haette, ist hier total normal. Erst nachdem ich auf irischen Strassen unterwegs bin weiss ich was SCHMALE Strasse wirklich bedeutet. Naja und so kam es dann auch dass ich in Ballynamore, einem kleinen Ort im Westen in dem nur schmale Strassen existieren und die Iren parken wie es ihnen gerade passt, einen Seitenspiegel eines Mercedes rammte. Ich war zimliech durch den Wind, vor allem musste der Spiegel natuerlich auch noch elektrisch sein. Gott sei Dank bin ich versichert und musste den nicht zahlen. Hinter her konnte ich auch darueber lachen das ein deutsches Maedchen in Irland ein deutsches Auto rammt. Neben den Landstrassen hat Leitrum eine sehr schoene Landschaft, aber leider absolut nicht Behindertengerecht. Wir waren mit 3 Rollstuehlen unterwegs und somit total darauf angewiesen. Wir haben versucht einiges zu machen und haben unsere Zeit auch genossen. Trotzdem war ich nicht allzu traurig wieder zurueck in mein Haus zu kehren.

Ich habe leider auch schon die negative Seite von der Arche erfahren. Das staendige Wechseln von Freiwilligen. Erst kommen sie, man gewoehnt sich an sie, teilt mit ihnen ein Leben und dann auf einmal gehen sie. Ich fand es besonders schlimm als Marta gegangen ist. Wir haben eine gute Freundschaft aufgebaut und haben sehr viel Zeit gemeinsam verbracht. Ich habe mich total an ihre Anwesenheit gewoehnt und als dann auf einmal ihr Zimmer leer stand war es ein komisches Gefuehl. Doch natuerlich haben wir schon wieder eine neue, sie heisst Adrianna und kommt auch aus Polen. (Wie ihr seht wird die Arche von Polen uebervoelkert. An zweiter Stelle kommen dann die Deutschen.) Sie hat einen guten Humor und hat schon Arche Erfahrung in Kanada gesammelt.


Wie sieht meine Freizeit aus….

Ich bin hier normalerweise fast 24 Stunden am Tag. Wir haben jeden Tag 3 Stunden frei die wir auserhalb von der Arche verbringen koennen. Und einmal die Woche haben wir einen freien Tag. Der freie Tag faengt aber schon an dem Abend davor an. Ich habe zum Beispiel immer ab Donnerstag Abend frei und den ganzen Freitag. Einmal im Monat hab ich ein freies Wochenende.

An einem freien Wochenende habe ich mich mit den Freiburgern-EIRENE-Maedels getroffen und wir sind gemeinsam in nem Kleinbus durch Donegal getourt. Ich habe es sehr genossen mal andere Leute zu sehen und nicht nur in Dublin zu sein. Nach dem Wochenende war ich wieder energiegeladen und konnte wieder voll einsteigen. Auch war ich schon mit den Maedels und Joss (einem weiteres EIRENE-Freiwilligen) in den Mourne Mountains wandern. Hat super Spass gemacht und neben den rutschigen Angelegenheiten hatten wir auch Zeit Annes Projekt zu sehen was fuer mich sehr interessant war, da es mit Pflanzen zu tun hat. Also was voellig anderes. Nach 3 Monaten hier, werde ich dann eine Woche frei bekommen. Noch habe ich aber nicht geplant was ich dort unternehmen werde.

Hier moechte ich mich auch nochmal ganz besonders bei all denen bedanken, die mich Unterstuetzen. Sei es finanziell, moralisch oder einfach nur mit irgendwelchen News von zu Hause. VIELEN VIELEN DANK, dass ihr es mir moeglich gemacht habt eine so wunderschoene Erfahrung zu machen.

Liebe Gruesse von der gruenen Insel.

Ellen


Mehr Info: EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst