David Buschbaums fünfter Rundbrief
Nicaragua: Länderkunde mit David. Von Armut und Reichtum... (Mai 2004)
Rundbrief Nr. 5
David Buschbaum
Heute will ich gerne von Nicaragua erzählen, nicht dass ich dies die letzten Male nicht getan hätte, aber meine vorherigen Rundbriefe waren doch überwiegend über mein Projekt Los Pipitos. Dieses mal habe ich andere Schwerpunkt ausgewählt: Armut und Reichtum.
Armut
Es ist ein etwas bizzares Bild, durch die Strassen von Esteli oder einer x-beliebigen anderen größeren Stadt in Nicaragua zu gehen. Zum einen fahren dicke, schwere und große Autos an mir vorbei, es gibt große Schuhgeschäfte, Kleidergeschäfte, an den Straßenecken werden die neuesten CD's verkauft und unheimlich schicke, offensichtlich besser betuchte Leute kommen mir entgegen.
Keine 5 Meter weiter sitzt dann ein alter Mann und hält die Hand auf, bittet um etwas Kleingeld. Für ein Brot sagt er mir. Wahrscheinlicher ist, dass er es in Alkohol oder Zigaretten umsetzten wird. Ich weiß wo der Mann wohnt. Habe ihn morgens schon etliche Male aus seiner kleinen Bretterhütte kommen sehen. Weit draußen wohnt er, ich schätze 1- 1.5 km außerhalb des Stadtzentrums in einem ärmeren Stadtviertel. Stets hat er einen alten Sack über die Schulter hängen, ich weiß nicht, was er dort drin hat. Er geht gekrümmt, nach vorne geneigt ist sein Oberkörper. Wenn er aufschauen will, muss er innehalten, sich fest auf seinen Gehstock stützen und den Kopf in den Nacken legen, so gekrümmt ist seine Haltung.
Wieder 5 Meter weiter spielen die Straßenjungs. Ich schätze, sie sind so zwischen 3 und 12 Jahren alt. Sobald sie mich erblicken, brüllen sie alle "David, David" und kommen auf mich zugerannt. Dei meisten barfuss, in zerrissenen kurzen Hosen und in T-Shirts, die ebenfalls zerrissen und unheimlich dreckig sind. Wir begrüßen uns immer mit Handschlag, die ganz kleinen halten dann meistens meine Hand fest und wollen so ein Stückchen durch die Strassen gehen. Sie fragen mich meistens, ob ich Ihnen nicht was zu essen kaufen, oder ob ich Ihnen nicht so einfach ein bisschen Geld schenken will. Tun sie dies aber, bevor wir uns richtig begrüßt haben sage ich meistens "Na du Eumel, willst du mir nicht erst mal guten Tag sagen, bevor du mich so überfällst"? Etwas verlegen dreinblickend kommt dann ein "Hallo, wie gehts", gefolgt von der gleichen Bitte nach Essen oder Geld.
Es gibt Tage, da lade ich sie dann zum Essen ein, wenn es allerdings mehr als 4 Kinder sind muss ein Cordoba für jeden auch mal reichen. Und es gibt natürlich auch Tage, da habe ich Stress, oder kein Kleingeld, oder auch einfach mal keine Lust, ihnen etwas zu geben. Das ist dann auch OK für sie, "dann bis morgen" brüllen sie und flitzen schon wieder davon. In die Schule gehen die wenigsten von Ihnen. Wenn die Eltern Geld für eine Schuluniform und für die Materialien die sie benötigen, aufbringen können, dann gehen sie hin. Haben die Eltern nicht genug Geld, schicken sie Ihre Kinder zum Arbeiten oder zum Betteln.
Das schlimmste Erlebnis hatte ich mit einem ca. 12 jährigen hier in Esteli. Er schnüffelte die ganze Zeit an etwas, das in ein T-Shirt eingewickelt war und sprach mich mit einer sehr quietschigen Stimme an. Ich kenne ihn schon länger und war deshalb sehr verwundert. Dann sah ich, dass er Kleber in einem kleinen Gefäß hatte und dabei war sich High zu schnüffeln. Ich verabschiede mich, doch er kam mir nach, ca. 3 Strassenblocks. Als ich die Tür meines Hauses schließen wollte, wurde er aggressiv, trat gegen die Tür und verhinderte mit all seiner Kraft, dass ich sie zumachen konnte. Ich redete auf ihn ein, 5 Minuten im Guten. Dann wurde ich sauer und pöbelte ihn an, es solle das lassen und nach Hause gehen. 10 Minuten später liess er mich die Tür schließen, nachdem er mir 2 mal gegen die Hand getreten hatte. 2 Tage später treffe ich ihn auf der Strasse, er war wieder normal. Ich fragte ihn, wo er denn überhaupt den Scheiß (Klebstoff), her gehabt hätte. Warum Scheiß antwortet er, dank des Schnüffelns bin ich wenigstens einige Stunden in der Woche richtig gut gelaunt. Dann ging er davon...
In meinen Augen sind die mit Abstand am heftigsten von der Armut Betroffenen solche, die noch eine Behinderung zusätzlich haben. Es gibt einen 12-jährigen Jungen, der jeden Tag von seinem Bruder an diverse, gute Standpunkte geschoben wird. Er sitzt im Rollstuhl. Nur mühsam kann er sich selbst von der Stelle bewegen, da seine Arme nicht sehr kräftig sind. Steht er dann in der prallen Mittagssonne und niemand hilft ihm, den Rollstuhl etwas in den Schatten zu rücken, muss er dort verweilen bis ihm jemand hilft. Der Junge gehört zum Straßenbild genauso wie die unterernährten Hunde, die Straßenkinder und der ganze Müll, der täglich von einer leichten Brise durch die Strassen geblasen wird. Keiner stört sich wirklich an dem Jungen im Rollstuhl, keinem fällt er wirklich auf. Aber er ist da, tagtäglich und hält seine kleine schmutzige Hand auf, um ein wenig Kleingeld zu erbitten. Er bedankt sich stets höflich, kann mich jedoch nicht richtig ansehen, da er mit seinen beiden Augen nicht richtig fixieren kann. Ein Auge ist immer leicht rechtsorientiert, dass andere leicht linksorientiert. Er schaut also immer mit beiden Augen nach außen und muss ein wenig den Kopf verdrehen, um dich mit wenigstens einem Auge erfassen zu können.
Der letzte kleine Abschnitt zum Thema Armut soll nun die Gesundheitsversorgung und -vorsorge sein. In Nicaragua gibt es kein Gesundheitssystem wie wir es aus Deutschland kennen. Es gibt Renten- und Krankenversicherungen, allerdings nur, wenn man sich in einem formalen Arbeitsverhältnis befindet, wie z.B. in Los Pipitos. Wahrscheinlich mehr als 50% der Bevölkerung arbeitet allerdings nicht in formellen Arbeitsverhältnissen. Dies ist eigentlich, genau wie in Deutschland, verboten. Aber es wird geduldet, die Nachteile kriegen sowieso die Bediensteten zu spüren. Sie sind im Krankheitsfall nicht abgesichert und beziehen später keine Rente. Im Rentensystem gibt es verschiedene Stufen und Sätze, die erreicht werden können. Wird die höchste Stufe erreicht beträgt der Rentensatz 100% des letzten Einkommens. Ich denke aber, generell kann man sagen, dass die monatliche Rente im Durchschnitt zwischen 30 und 300 US-Dollar liegt.
Dann gibt es natürlich auch eine Menge Leute, die gar keine Arbeit haben und somit auch nicht abgesichert sind. Für diese Leute gibt es sogenannte Gesundheitszentren, dort erhält man alles umsonst, dementsprechend lang ist morgens dann aber auch die Warteschlange vor der Eingangstür. Lange, lange Wartezeiten müssen eingeplant werden. Mit Säuglingen und Kleinkindern kann das Ganze zu einer Tortur ausarten. In den Städten, so wie hier in Esteli, gibt es fast alles, was nötig ist, egal für welches Krankheitsbild. Ich kann die Kliniken und Privatkliniken gar nicht zählen, es sind zu viele. Ich denke, es sieht in jeder etwas größeren Stadt so aus.
In den ländlichen Regionen hingegen, ist die Sache schon etwas anders. Auch hier gibt es diese Gesundheitszentren und eine oder mehrere Krankenschwestern sind dort meistens vor Ort und behandeln alles so gut es in ihrer Macht steht. Dreimal pro Woche kommt dann auch ein Arzt aus Managua, die Leute wissen natürlich immer, wann diese Tage sind und dementsprechend voll ist seine Sprechstunde dann.
Aber es gibt auch noch die isolierteren ländlichen Regionen. Hier ist dann gar nichts mehr, kein Gesundheitszentrum, keine Krankenschwestern, keine Ärzte, nichts. Gibt es hier einen akuten Notfall, kommt meistens jede Hilfe zu spät, da das nächste Krankenhaus oder der nächste Arzt Stunden entfernt sein können.
Das aber wohl schrecklichste an diesem ganzen System ist die damit verbundene Ungleichheit, die im Land herrscht. Es gibt relativ reiche Leute, beispielsweise Politiker oder Geschäftsmänner, die sicherlich auch 5000 US-Dollar im Monat verdienen, sich sowohl krankentechnisch hervorragend absichern können, als auch im Hinblick auf die Rente.
Im Gegensatz dazu dann die Bevölkerung auf dem Land, die nicht krankenversichert und nicht rentenversichert ist. Gibt es einen Krankheitsfall, oder wird ein Medikament gebraucht und es steht nicht genug Geld zur Verfügung, kann der betroffene Mensch nicht behandelt werden, im Extremfall stirbt er oder leidet sehr. Von einer Rente darf hier natürlich auch nicht gesprochen werden. Die Familie ernährt alle, wer arbeiten gehen kann trägt dazu bei, wer nicht mehr arbeiten gehen kann, wird miternährt.
Reichtum
Trotz der eben geschilderten Situationen, welche sich beliebig fortsetzen bzw. ergänzen lassen würden, habe ich in diesem Land eine Offenheit, eine Freundlichkeit und eine Liebenswürdigkeit erfahren und kennen lernen dürfen, wie ich sie bisher nicht kannte. Es fing im Projekt an und zieht sich bis heute wie ein Faden durch mein Leben hier in Nicaragua.
Am ersten Tag, an dem ich die Sprachschule besuchte, waren bereits fast alle eingeweiht. Alle wussten, dass ich der neue Freiwillige von Eirene war. Alle grüßten mich freundlich, fragten mich Dinge und luden mich zum Essen ein. Da war ich allerdings sprachlich noch nicht so gewandt, um all dies zu verstehen bzw. eine gescheite Antwort geben zu können. Andere Deutsche, die damals noch im Projekt arbeiteten, halfen mir bei den Übersetzungen.
Auch Folgendes habe ich von Anfang an erlebt, obwohl ich nicht direkt damit umgehen konnte. Wenn ich durch die Strassen gehe, grüssen mich die Leute, winken mir zu, nicken kurz. Die 15- jährigen Mädels rufen Adios, giggeln dann und gehen schnell weiter. Es ist aller viel lockerer und herzlicher hier. Nachdem ich zwei mal an dem gleichen Straßenladen vorbeigekommen bin oder zwei mal im gleichen Geschäft war lächeln mich die Leute an und grüßen mich, hin und wieder gar mit Namen. Autos fahren an mir vorbei und ich höre nur Ey David, ich grüße zurück obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, wer es gewesen sein könnte. Hin und wieder begegnen mir auch Leute auf der Strasse, nennen mich beim Namen, fragen wie es mir geht und wie die Dinge in Los Pipitos stehen. Auch hierbei gibt es Situationen, in denen ich behaupten würde, diesen Menschen noch nie im Leben gesehen zu haben. Hast du einmal jemanden kennengelernt, ganz egal wo, wirst du bis ans Lebensende von ihm gegrüßt. Auch wenn der Kontakt, oder besser gesagt, das Kennen lernen in den wenigsten Fällen sehr tiefgehend ist, so gefällt mir einfach die Art und Weise des Miteinanders der Menschen hier.
Ich war schon einige Male bei befreundeten Familien, die mich eingeladen hatten. Sie wollten mir ihr Haus zeigen mich natürlich auch Ihrer Familie vorstellen. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass diese Menschen sehr einfach und nur mit dem wirklich nötigsten Mitteln leben. Zum Abendessen gab es dann Gallo Pinto, ein traditionelles nicaraguanisches Gericht, bestehend aus roten Bohnen mit Reis, das ganze gemischt und angebraten. Selbst von diesem Essen gab es dann nicht außerordentlich viel. Trotzdem habe ich am Ende die mit Abstand größte Portion auf dem Teller gehabt. Da nutzte dann auch kein reklamieren oder dezentes darauf hinweisen, dass der eigene Hunger nicht ganz so groß ist wie die Portion auf dem Teller. Da war nix zu machen. Der Teller blieb genau so voll, wie er auch vorher schon war. Meistens haben sie auch noch Cola oder Fanta gekauft, weil sich nach wie vor die Meinung hält, dass alle Weißen am liebsten Cola trinken. Und auch hier ist mir wieder klar, dass dies eine absolute Ausnahme ist und das es wahrscheinlich ein kleineres oder größeres Haushaltsloch in die Kasse reißt.
Ebenfalls zum Reichtum des Landes zähle ich natürlich Nicaragua an sich. Wobei ich auch hier dazu sagen muss, dass dies eher für mich und all die anderen weißen Menschen gilt, die hier sind oder waren. All die Schönheit, die ich hier jeden Tag entdecke und mich darüber freue ist für die Nicas das normalste der Welt, genau so, wie Deutschland für mich das normalste der Welt ist. Für die Menschen hier sind es wunderschöne Orte, wenn ich Ihnen Bilder vom Hunsrück zeige (der Hunsrück ist ja auch wunderschön, da haben sie also schon recht) und sie können sich ewiglang die alten Fachwerkhäuser oder auch die großen Laubbaumwälder anschauen. Jetzt aber noch mal zurück zu Nicaragua.
Gehe ich an einer Kathedrale vorbei, stehen dort 20 Meter hohe Palmen und andere tropische Gewächse. In welchen Garten ich auch schaue, überall stehen Mango-, Avocado-, Mandarinen-. Grapefruit-, Orangen-, Limonen-, Ananas-, und andere Fruchtbäume, deren Früchte wir in Deutschland gar nicht kennen. Dann noch Bananen, Kochbananen und Kokospalmen und wahrscheinlich noch unzählige andere Fruchtsorten, die mir jetzt gar nicht alle einfallen.
Nicaragua hat 2 riesengroße Seen, der kleinere ist völlig verseucht, jahrelang wurde das Abwasser der Hauptstadt hineingeleitet. Der größere See ist 14 mal so gross wie der Bodensee, dort leben Süßwasserhaie, eine Spezies, die es nicht an vielen Orten dieser Welt gibt, sie werden bis zu 3 Meter lang und sollen auch schon Menschen angegriffen haben. Des weiteren befindet sich in diesem See die größte Süßwasserinsel der Welt, sie heißt Ometepe und ist aus zwei Vulkanen entstanden. Der Legende nach liebten sich die Tochter und der Sohn zweier verfeindeter Indianerstämme. Als bekannt wurde, dass sie sich liebten, wurde ihnen verboten, sich zu sehen. Der einzige Ausweg für die beiden war der Tod. Sie brachten sich gemeinsam um und aus den Brüsten der Frau entstanden die beiden Vulkane.
Endlose Sandstrände zieren die Küsten von Nicaragua, mal relativ dunkel, da relativ viel vulkanisches Gestein im Sand ist, mal schneeweiß und so fein, dass man ihn kaum greifen kann. Der Atlantik und der Pazifik, zwei Weltmeere und mittendrin das kleine Nicaragua, von der Fläche her vielleicht gerade mal ein Fünftel oder ein Viertel von Deutschland. Der Pazifik ist tosend und wild, teilweise kommen 3 oder 4 Meter hohe Wellen an den Strand geschmettert. Da heißt es dann gut acht geben, wenn man im Wasser ist. Und auf der anderen Seite des Landes ist der Atlantik, bzw. die Karibik. Türkisblaues Wasser, bunte Fische, Korallenriffe und das Meer sieht aus, als wäre es gebügelt. Kleine, ganz zarte Wellen kommen an den Strand geschwappt. Der Strand blendet, so weiß ist er und die Palmen wachsen fast bis ans Meer, sehr traumhaft das Ganze. Ich kann es gar nicht so genau sagen, aber ich glaube, es gibt hier so um die 20 Vulkane. Zum Teil noch aktive, die permanent schwefelhaltige Gase freigeben, zum Teil erloschene, die bis zu ihrer Spitze hin von dichtem Urwald bewachsen sind. Dort ist dann alles sehr grün und lebendig, zwischendrin blitzen die buntesten Blumen durch die Zweige und es fallen einem dicke Tropfen auf den Kopf, weil der Gipfel fast permanent in Nebel und Wolken gehüllt ist. Es gibt weite Teile im Nord-Osten des Landes und vereinzelt auch andere Gebiete in Nicaragua, die von dichtem und wildem Urwald bewachsen sind. Vereinzelte Naturschutzgebiete bewahren die Schönheit des Landes, hier gibt es keine Brandrodungen und kaum Umweltverschmutzungen.
In diesen geschützten Gebieten leben Jaguare, Pumas, Klapperschlangen, diverse andere Schlangenarten (auch sehr, sehr giftige), verschieden Arten von Affen, Tukane, Papageien, Kolibris, Gürteltiere, Quetzale, Leguane und natürlich auch viele artverwandte Tierarten, die es auch in Deutschland gibt. Geier, Skorpione und kleine Schlangen gehören zu Esteli und dem Rest von Nicaragua wie Mäuse und Rehe bei uns...
David
Mehr Info: EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst