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USA: Arbeit mit psychisch kranken Menschen
Ethisch angesagt, gesetzlich vorgeschrieben: Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen

"Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zunaechst einige vom Personal fuer Gaeste hielt, und Gaeste wiederum fuer gesund.“

Florian Sieglitz berichtet von seinen in einem Projekt mit psychisch kranken Menschen (Januar 2004)



Warum

Warum ich diesen Dienst mache, weiss ich selbst nur schwer zu beantworten. Ja sicher, ich wollte den Militaerdienst durch etwas Sinnvollereres ersetzen, mein Englisch verbessern und andere Laender sehen, aber dazu, einen solchen Dienst tatsächlich zu machen, gehoert sicherlich auch eine grosse Menge Abenteuerlust und Rastlosigkeit. Wer wuerde sonst so einfach sein Zuhause und seine Freunde im Stich lassen, jedenfalls fuer ein Jahr, und sich verpflichten einen Dienst zu leisten, von dem ich noch nicht einmal wusste, wo und was es sein wuerde? Jedenfalls hatte das Infoseminar von EIRENE einen so grossen Eindruck auf mich gemacht, dass ich mich kurz darauf um einen Platz in den USA bewarb. Ja, ich hatte Zweifel, vor allem als vor meinem Berwerbungsgespraech der Irakkrieg begann und ich eigentlich ueberhaupt nichts mit diesem Land zu tun haben wollte. Trotzdem habe ich es dann auf einen Versuch ankommen lassen.

Visum

Mein Visum fuer die USA zu bekommen, stellte sich als das groesste Problem vor der Ausreise dar. Selbst nach einem Interview in der Botschaft der Vereinigten Staaten in Berlin wurde mir das Visum verweigert, weil ich zu dem Zeitpunkt noch keine genauen Angaben ueber meinen Arbeitsplatz in den USA geben konnte. Wo ich meinen Freiwilligendienst leisten wuerde, sollte sich naemlich erst waehrend der sogenannten „Orientierung“ in Amerika herausstellen, einem dreiwoechigen Treffen mit der amerikanischen Partnerorganisation. Da die Angabe der Arbeitsstelle aber der einzige Weg war, das Visum zu bekommen, wies mir die Organisation nach langem Hin und Her im Voraus einen Platz zu. Gerade noch rechtzeitig vor meinem Ausreisetermin erhielt ich das Visum. Glueck gehabt!

Orientierung

Zusaetzlich zu dem EIRENE-Ausreisekurs in Deutschland wurde ich zusammen mit 4 anderen Deutschen zum Orientierungskurs eingeladen, um erstens dem BVS (Brethren Volunteer Service) meine Tauglichkeit fuer einen Freiwilligendienst zu beweisen und zweitens nach einem fuer mich geeigneten Projekt Ausschau zu halten bzw. zu pruefen, ob mein schon zugewiesenes Projekt tatsaechlich das Richtige fuer mich sei. Wie der Name schon andeutet, gehoert der BVS zur „Church of the Brethren“, einer christlichen Glaubensgemeinschaft, die ihren Glauben speziell nach dem Neuen Testament auslegt und sich mit besonderen Braeuchen von anderen Konfessionen abhebt, aber auch mit einer recht simplen Lebensweise.

Von genau diesen Merkmalen war auch die Orientierung gekennzeichnet, die zwei Wochen auf einem oekologischen Bauernhof mitten im Staat Indiana und eine Woche in Chicago stattfand. Die Zeit war nicht ganz einfach, aber auf jeden Fall sehr interessant und eine vollkommen neue Erfahrung. Schon die ersten 2 Tage vor dem Treffen, die wir fuenf Deutschen in der Chicagoer Wohnung der Leiterin unserer Orientierung verbrachten, gaben uns einen ersten Eindruck, was uns in dem Jahr erwarten wuerde:

1. amerikanisches Essen: Es besteht vorwiegend aus Erdnussbutter, zuckerfreien Suessungsmitteln und kuenstlichen Aromastoffen, angereichert mit extra Vitaminen und Mineralstoffen und ist natuerlich zu 99% fettfrei! Und nicht zu vergessen fast-food, aber das kennen wir bei uns ja auch. In beinahe jedem Getraenk schwimmen Eiswuerfel.

2. amerikanische Gastfreundlichkeit: Karen, die Leiterin der Orientierung, deren Wohnung wir belegten, war naemlich schon in Indiana, um die Orientation vorzubereiten, stellte uns also ihre Wohnung zur Verfuegung ohne uns zu kennen! Beeindruckend!

3. amerikanische Vororte: Karens Wohnung befand sich in Elgin, einem Vorort Chicagos; verstraeut zwischen den endlosen Haeuserreihen ein paar Fastfood-Restaurants, ein liquor store und eine Tankstelle, sonst nichts.

Indiana

In den kommenden drei Wochen machten wir dann endgueltig Bekanntschaft mit weiteren Eigenheiten der Amerikaner, vorwiegend aber mit denen der Brethren. Schwer zu akzeptieren waren nicht die spartanischen Umstaende auf dem Bauerhof, wie etwa Schlafen in Zelten oder auf Stroh in der Scheune, keine WCs sondern Plums- bzw. Dixi-Klos, statt Duschen „bucket-showers“ und nur $2.50 pro Tag pro Person fuer Lebensmittel - Umstände, auf die wir in einem Brief vorbereitet wurden -, sondern die anderen Besonderheiten der Church of the Brethren. Es war fuer mich erst mal eine Umstellung, jeden Tag Meditationsuebungen durchzufuehren und regelmaessig vor dem Essen bei einer Art von gesungenem Gebet mitzusingen und das vollkommen ernst zu nehmen. Daran konnte ich mich aber mit der Zeit gewoehnen, wie ich auch die Perspektive akzeptieren konnte, die mir die Brethren nahe brachten, warum wir diesen Dienst machen wuerden, naemlich allein aus Selbstlosigkeit und um Hilfsbeduerftigen zu „dienen“. An einige Ansichten der Brethren in Sachen Glauben konnte ich mich jedoch gar nicht gewoehnen - das Lebensmotto „Mir kann nichts passieren, solange ich genug bete...“ ist mir fremd und halte ich für etwas einfältig. Sehr erleichtert war ich, dass wir fuenf Deutsche zu dem Zeitpunkt noch zusammen waren und uns ueber die Besonderheiten austauschen konnten. Dadurch war der Kulturschock nicht so gross, wie er sonst ausgefallen wäre.

Besonders positiv beeindruckt hat mich das Engagement der Bretheren bei welt- und innenpolitische Themen. So war z.B. Cliff, einer der Bewohner des oekologischen Bauernhofs in Indiana, mit anderen Brethren waehrend des Krieges im Irak, um dort zwischen den Gruppen zu vermitteln und Gewaltfreiheit zu proklamieren, was ich sehr beeindruckend finde - egal ob er jetzt erfolgreich war oder nicht. Ausserdem leben Cliff und seine Frau freiwillig unterhalb der Armutsgrenze, d.h. sie verdienen im Jahr bewusst so wenig mit ihrem Bauernhof, dass sie keine Steuern zu bezahlen brauchen, da diese grossteils fuer Kriegszwecke verwendet werden wuerden und sie Krieg nicht unterstuetzen wollen. Alles, was sie brauchen, wird angebaut. Als sie vor einigen Jahren mit dem Verkauf ihrer oekologische Produkte zu viel verdient hatten, verweigerte Cliff die Steuerzahlung und wanderte dafuer ins Gefaengnis. ...

Die Zeit in Indiana mitten im Indian Summer war eine Erfahrung, die mir immer in Erinnerung bleiben wird. Zu diesem Zeitpunkt erschien mir noch alles als eine Art Urlaub.

Chicago

Die letzte Woche der Orientierung haben wir in Chicago verbracht, einer beeindruckenden Stadt mit Straenden am tuerkis-blauen Lake Michigan, die mich an Bilder aus der Karibik erinnerten, und mit einer der groessten Downtowns Amerikas: Hier steht auch das zweihoechste Gebaeude der Welt, der Sears-Tower, den wir dann natürlich bestiegen haben, und das Flair der Stadt, geprägt von vielen ethnischen Gruppen, haben wir genossen.

Trotzdem wir auf der Orientierung eine Menge Spass hatten und die ersten netten Amis kennengelernt haben, waren wir alle doch sehr froh, nach den drei Wochen endlich zu unseren Projekten zu reisen. Ich habe meine Reise mit gemischten Gefuehlen angetreten, nicht nur weil zu dem Zeitpunkt fuer mich ein ganz neuer Abschnitt beginnen sollte, sondern auch weil ich nur sehr wenig ueber mein Projekt wusste, da das Boston Area Program vollkommen neu im BVS aufgenommen war...

Boston

Mein Projekt – mein erster Eindruck

Aus den Broschueren des BVS wusste ich lediglich, dass meine zukuenftige Arbeitsstelle eine Bostoner Zweigstelle der Gould Farm war, einer Gemeinschaft auf einem Bauernhof in West Massachusetts, die Schizophrene und Depressive aufnimmt und pflegt. Zwar hatte ich ein paar Berichte von ehemaligen Freiwilligen der Gould Farm gelesen, die die Arbeit als sehr gut beschrieben und auch der Direktor des BVS hatte mir in einem Gespraech versichert, dass es garantiert das Richtige fuer mich sei, troztdem empfand ich alles doch als sehr ungewiss – die Tatsache, dass ich wenig ueber psychische Krankheiten wusste, und mich in einem fremden Land mit einer halbwegs fremden Sprache aufhielt, machte es nicht unbedingt besser...

Zum Eingewoehnen hatte ich die ersten zwei Tage frei, konnte mich also von der 28 stuendigen Bahnfahrt von Chicago nach Boston erholen und mich im Haus umgucken, bevor ich dann am Donnerstag im Gemeinschaftstreffen allen vorgestellt werden sollte. Es war ein merkwuerdiges Gefuehl auf die Personen im Haus zuzugehen und sich vorzustellen, besonders weil ich nicht wusste, wie ich Patienten, die hier Gaeste genannt werden, und Personal unterscheiden sollte und ob ich mich bei den Gaesten anders verhalten musste. Ich fragte mich, wie wohl ein Schizophrener aussieht, kann man denen das ansehen? Merkt man es, wenn man mit ihnen spricht? Auf den ersten Blick sahen alle gleichermassen gesund aus. Es hat sich natuerlich keiner vorgestellt: “Hi, ich bin schizophren“, sondern nur das typisch amerikanische Hey-how-are-you-doing? und nice-to-meet-you! Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zunaechst einige vom Personal fuer Gaeste hielt, und Gaeste wiederum fuer gesund. Nach einem vollen Arbeitstag wusste ich aber schon ganz gut, wer zu welcher Gruppe gehörte, denn auf den zweiten Blick merkt man sehr wohl, dass die Gaeste irgendeinen Tick oder eine spezielle Verhaltensweise haben, die charakteristisch fuer Schizophrene ist, wie z.B. Desorientierung, Unselbstaendigkeit und Verwirrtheit.

Sehr schnell wurde mir der Unterschied zwischen geistiger Behinderung und Geisteskrankheit klar, den ich zuvor nie richtig wahrgenommen hatte. Denn die meisten Gaeste sind hoch gebildet, waren entweder Schauspieler in Hollywood oder hatten studiert, und waren weit in der Welt herumgekommen, bevor sie schliesslich krank wurden. Am interessantesten ist es für mich, wenn sie von diesen vergangenen Erlebnissen berichten, was leider nur selten vorkommt, da die Erinnerung an ihr unbeschwertes Leben sie wohl ihrer Krankheit bewusst und dadurch traurig macht. Zu meiner Erleichterung stellte ich schnell fest, dass man sich mit den Gaesten aber sehr gut ueber andere Themen unterhalten kann. Hier in Farrington haben die Gaeste ihre Krankheit mit Hilfe von Medikamenten bereits sehr gut in den Griff bekommen, so dass sie eigentlich gar nicht mehr besonders auffallen, wenn man sie nicht genauer kennt und weiss auf welche Verhaltensweisen man achten muss.

Ich habe mich noch nicht durchringen koennen, die einzelnen Ordner der Gaeste zu lesen, in denen ihr Leidensweg und die Art ihrer Krankheit genauestens geschildert wird. Zwar hatte meine Chefin mich anfangs dazu ermutigt, dort hinein zu gucken, ich aber wollte die Gaeste erst einmal unbeeinflusst kennenlernen, ohne all ihre Probleme im Kopf zu haben, wenn ich mich mit ihnen unterhielt. Ich glaube das hat mir sehr geholfen, die Gaeste als Menschen kennenzulernen und nicht als Kranke. Ich habe mir aber vorgenommen, mich demnaechst an ihre Akten zu setzen, allein um ihre Krankheiten zu verstehen und ihnen in Zukunft besser helfen zu koennen, aber auch, um mehr ueber Psychologie zu lernen.

Aufgrund meiner Unwissenheit ueber Schizophrenie hatte es mich sehr getroffen, als mir einer der Gaeste ueber seine Stimmen, die er hoere, erzaehlte, die ihn beleidigten, beschimpften und alles, was er mache, schlecht kommentierten. Dieser Moment war sehr unangenehm, denn ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte – was sollte ich in so einer Situation sagen? Ihn troesten? Ich muss aber sagen, dass solche Situationen aeusserst selten vorgekommen sind, da meine Arbeitskollegen in brenzligen Situationen immer zur Stelle waren und geholfen haben, wo sie nur konnten. Zusaetzlich hatten wir Treffen, in denen wir uns ueber spezielle Verhaltenweisen unterhielten. So wusste ich meistens im Voraus, wie ich mich in bestimmten Situationen zu verhalten hatte, und wenn ich es nicht wusste, dann hatte ich danach Gelegenheit, es anzusprechen und zu lernen.

Für euch (und für mich) habe ich während der letzten Monate versucht, einen kleinen Einblick in die Organisation, für die ich arbeite, zu bekommen:

Die Gould Farm

Die Gould Farm ist eine Wohngemeinschaft auf einem Bauernhof in West-Massechusetts, die an Schizophrenie oder manischer Depression erkrankte Personen aufnimmt und durch ein psychologisches Rehabilitationsprogramm leitet. Ausserdem wird diesen Menschen geholfen, mit den Nebenwirkungen der Medikanmente fertig zu werden und sich wieder an ein eigenstaendiges Leben zu gewoehnen. Dieses ist keine leichte Aufgabe, denn auf Grund ihrer Krankheit haben die meisten Gaeste jegliche soziale Kontakte verloren, hauptsaechlich, weil sie sich durch Krankheit zureckgezogen und Freunde und Bekannte vernachlaessigt haben, und haben verlernt, selbstaendig zu leben. Erschwert wird die „Resozialisierung“ der Gaeste dadurch, dass viele extrem veraengstigt, desorganisiert und vergesslich sind – einige Sympthome der Schizophrenie und Nebenwirkungen der Medikamente. Durch das Gemeinschaftsleben und gemeinsames Arbeiten ist es jedoch moeglich, die Gaeste auf die Aufgaben in ihrem spaeteren selbstaendigen Leben vorzubereiten und ihnen die Angst zu nehmen. Der Wille als Mitglied der Gemeinschaft zu arbeiten und sich einzubringen, sollte aber bei jedem Gast an oberster Stelle stehen, um dieses Programm erfolgreich zu absolvieren, sonst ist die Zeit unnoetig vertan.

Das Rehabilitationsprogramm der Gould Farm besteht aus drei Stufen. Zuerst werden die Gaeste auf der Farm aufgenommen, wo sie die Gemeinschaft kennenlernen und auf der Farm arbeiten. Momentan leben etwa 40 Gaeste und ebenso viele Betreuer auf der Gould Farm, die die Gaeste durch die Arbeitsprogamme leiten und begleiten. Durch die Groesse der Farm gibt es zahlreiche Bereiche, in denen die Gaeste arbeiten koennen: Neben Schafen, Kuehen, Schweinen und Huehnern gibt es eine Kaeserei, Ahornsirupherstellung und vieles mehr. Meistens verbringen die Gaeste ein bis zwei Jahre auf der Gould Farm.

Danach koennen sie in andere Wohngemeinschaften in der Naehe von Boston wechseln, die auf den gleichen Prinzipien wie denen der Gould Farm beruhen, nämlich gemeinsam zu leben und zu arbeiten, ihnen aber weitere Perspektiven bieten. In einer dieser staedtischen Gemeinschaften, der Farrington Memorial, arbeite ich.

Farrington Memorial

Wie auf der Gould Farm liegt der Schwerpunkt im Boston Area Program in Farrington Memorial auf der Gemeinschaft und gemeinsamem Arbeiten. Fuer die Gaeste gehoeren neben ihren Jobs daher auch taegliches Putzen, Kochen und spezielle Gemeinschaftsprojekte zum Alltag. Zusaetzlich ist das Boston Area Program speziell darauf ausgelegt, die Gaeste auf die Pflichten in einem eigenstaendigen Leben ausserhalb der Gemeinschaft vorzubereiten. So wird sehr viel Zeit fuer Jobvermittlung, Recherchen und persoenliche Beratung verwendet. Jeder Gast hat eine Kontaktperson, mit der er sich regelmaessig trifft und Probleme und Ziele bespricht. Im Vergleich zur Gould Farm ist Farrington mit 8 bis 12 Gaesten relativ klein, so dass das Zusammenleben sehr viel intensiver ist und man sich mehr auf die Probleme der einzelnen Gaeste konzentrieren kann. Der dritte Schritt für die Patienten ist schliesslich der Wechsel in eine nicht betreute Wohngemeinschaft oder eine eigene Wohnung mit einem Job, aber der Moeglichkeit sich mit der Kontaktperson zu treffen und in Problemfaellen Obdach und Pflege in Farrinton zu bekommen.

Meine Arbeit

In einem kleinen Anbau an das Haupthaus befindet sich mein Appartement, das ich mit zwei weiteren Freiwilligen von Farrington Memorial, Cathy und Molly, teile. Das Heim liegt ausserhalb von Boston in dem Vorort Lincoln, der durch die „Commuter Rail“ Anschluss an das S-Bahnnetz (der sog. „T“) Bostons besitzt. Durch die unguenstige Lage des Farrington Memorial direkt an einem Highway ohne weiteren Anschuss an die oertlichen Strassen Lincolns, sind alle Bewohner Farrintons auf Autos angewiesen. Selbst zum oertlichen Commuter Rail Bahnhof braucht man 10 Minuten mit dem Auto. Ich habe eine ganz normale 40 Stundenwoche, d.h. fuer amerikanische Verhaeltnisse einen wirklich entspannten Arbeitsrhythmus, auch wenn ich mit der Einteilung der Stunden sehr flexibel sein muss. Die Hauptaufgaben in meinem Job sind:

Autofahren: Mehrmals pro Tag muss ich die Gaeste, die einem regelmaessigen Job nachgehen, zu den umliegenden Bahnhoefen fahren. Aus finanziellen sowie aus Sicherheitsgruenden haben die wenigsten Gaeste ein eigenes Auto, sie sind also immer auf die Fahrten des Personals angewiesen, zu denen sie sich Tags zuvor in eine Liste eintragen muessen. So kann kontrolliert werden, wer wann das Haus verlaesst und in Notfaellen weiss jeder, wo der jeweilige Gast zu erreichen ist.

Arbeitsprogramm: Das Arbeitsprogramm ist fuer diejenigen Gaeste, die noch keinen regelmaessigen Job haben (oft arbeiten sie als Freiwillige in Suppenkuechen, Zoos und gemeinnuetzigen Organisationen) und den Tag ueber im Haus bleiben. Sie muessen zusammen mit der leitenden Person das Haus putzen und alle Hausarbeiten erledigen, die ueber den Tag anfallen, ausser kochen. Da das Arbeitsprogramm ein wesentlicher Bestandteil des Rehabilationsprogramms in Farrington ist, muss jeder Gast, der weniger als 30 Stunden pro Woche durch seine Jobs ausserhalb Farringtons abgedeckt hat, die verbleibende Zeit im Arbeitsprogramm verbringen. Dort wird von 8.30 bis 11.30 Uhr und von 13 bis 15 Uhr staubgewischt, gestaubsaugt, die Kueche geputzt, Geschirr gewaschen, Flure gemoppt, die Gemeinschaftsraeume aufgeraeumt, im Winter Schnee geschippt, etc. An zwei Tagen pro Woche muss ich dieses Arbeitsprogramm leiten und natuerlich fleissig mithelfen, da es sich um eine Gemeinschaft handelt, in der jeder jedem hilft. Das kann manchmal Spass machen, aber auch sehr anstrengend sein, je nach dem, wie viele Gaeste im Arbeitsprogramm sind, manchmal sind es bis zu 5, so dass praktisch nicht genug Arbeit fuer alle da ist, und manchmal ist man ganz alleine und muss alles selber machen, was echt aetzend ist!

Telefondienst: Nachmittags, wenn unsere Sekretaerin Schluss hat, steht fuer mich an einigen Tagen pro Woche der Telefondienst an. Anfangs war das sehr stressig und manchmal ist es das immer noch, vor allem, weil ich noch nicht genau genug in Farrington Bescheid weiss. Sprachlich geht es inzwischen sehr gut. Der Telefondienst dauert meistens bis 21.30 Uhr, bis ich von der Person abgeloest werde, die fuer die Nachtschicht eingeteilt ist und die die Nacht ueber im Gaestehaus schlaeft. Wenn Gaeste nachts Probleme haben, ist diese die Ansprechperson fuer sie. Fuer Notfaelle, wie Suizidversuche oder Aehnliches, hat immer irgendeiner einen Notfall-Pager bei sich, der im Notfall angepiept werden kann.

Kochen: Montags muss ich weder Auto fahren, putzen, noch Telefondienst machen, sondern kochen. Das bedeutet zusammen mit einem der Gaeste von 16 bis 19 Uhr in der Kueche zu stehen und fuer ca. 10-15 Personen zu kochen, was wirklich Spass machen kann, meistens aber doch leider ziemlich stressig ist, vor allem weil ich noch kein grosses Kochgenie bin. Nach dem Kochen folgt aber erst die eigentliche Arbeit: Die Kueche ist wieder halbwegs aufzurauemen und Geschirr zu spuehlen, per Hand, was meistens ein bis zwei Stunden in Anspruch nimmt.

Thanksgiving

Ich hatte schon die Moeglichkeit einige uramerikanischen Feiertage mitzuerleben. Der wichtigste war wohl Thanksgiving, ein wirklich beeindruckendes Erlebnis. Obwohl ich es nicht in einer Familie feiern konnte, habe ich das Wichtigste doch mitbekommen: das Festessen mit dem beruechtigten Truthahn und allerlei Kuerbisgerichten. Den ganzen Tag ueber wird gekocht bis man sich schliesslich am fruehen Abend zu einem mehrstundigen Mahl niederlaesst und traditionelle amerikanische Volkslieder singt. So gedenken die Amerikaner des Tages, an dem die ersten amerikanischen Siedler den Kontinent betraten, das Land voller reifer Herbst-Fruechte fanden und Dank der Hilfe der Indianer, die ihnen zeigten wie sie die Fruechte anzubauen und zu ernten hatten, ueberlebten. Nach dem Essen gingen wir zu einem traditionellen Tanz, dem sog. contra-dance einem amerikanischen Gruppentanz, der zu acht in einem Kreis getanzt wird. Obwohl ich natuerlich ueberhaupt keine Ahnung hatte, war es sehr witzig, zumal es ziemlich leicht zu lernen war und alle in einer extrem guter Stimmung waren. Mir schien es, als wenn Thanksgiving fuer die Amerikaner fast noch wichtiger ist als Weihnachten.

Weihnachten

Die Weinachtszeit war etwas traurig, da alle in Farrington nach Hause fuhren, um mit ihren Familien zu feiern, und ich hier bleiben musste. Zugegeben, es war meine Entscheidung, nicht nach Hause fahren, um nicht zuviel von meiner bezahlten Urlaubszeit zu verbrauchen und ein amerikanisches Weihnachten mitzuerleben. Es war aber der Zeitpunkt, an dem ich meine Familie am meisten vermisst habe, seitdem ich hier bin. Mit den paar Gaesten, die in Farrington geblieben waren, bin ich dann ueber die Weihnachtsfeiertage zur Gould Farm gefahren. Das war dann doch noch etwas weihnachtlich, mit schoen viel amerikanischem Kitsch und gutem Essen.

Ich hoffe, ich konnte euch einen Einblick in meinen Freiwilligendienst geben. Weiteres erfahrt ihr in meinem naechsten Rundbrief, der in ein paar Monaten folgen wird. Ich werde mir grosse Muehe geben, dass er dann puenktlich ankommen wird.

Schoene Gruesse, Euer Florian


Mehr Info: EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst