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USA: Gemeinwesenarbeit
Ethisch angesagt, gesetzlich vorgeschrieben: Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen

Von Mönchengladbach in die Rockies

Udo Smidt berichtet von Vorbereitung und Ankunft und stellt sein Projekt vor (Oktober 2002)

In diesem Brief moechte ich vorallem auf die Vorbereitungen fuer meine Reise, meine neue Heimat und auf Land- und Leute eingehen. Fuer eine bessere Anschaulichkeit habe ich versucht dies in Themenbereiche zu gliedern. Ich hoffe, dass mir das moeglichst gut gelungen ist, da sich nicht alles sauber trennen laesst. Ich wuensche euch viel Spass beim lesen!

Vorbereitungen/ Vorfreude

Die Vorbereitungen begannen schon recht frueh. Ueber Stefan Huetter - einen guten Freund von mir, der vor mir ein Jahr in den USA war - habe ich von 'La Puente' gehoert und mich neben zwei Alternativen fuer dieses Projekt in Alamosa beworben. Nach der ersten Anfrage bei Kathleen C. Ackley, kurz KC (sie ist die Ansprechpartnerin bei der UCC, Partnergemeinde der Evangelischen Kirche im Rheinland) begann eine Zeit des bangen Wartens. Ich wurde oft gefragt, wo es den hingehe, doch ich konnte noch keine verbindliche Antwort geben. Ende August bekam ich schliesslich die Einladung und es wurde hoechste Zeit mein Visum zu beantragen. Ich wollte kein Risiko mehr eingehen und habe deshalb eine Agentur beauftragt, die mir das Visum innerhalb von zwei Wochen garantierte. Dieses hat sich gelohnt, obwohl ich dafuer draufzahlen musste.

In den ersten zwei Wochen im August fand auch der Ausreisekurs von Eirene ("Internationaler Christlicher Friedensdienst", Neuwied) statt. Wir haben uns ausfuehrlich damit auseinandergesetzt, was uns im Ausland erwartet (Probleme, Besonderheiten usw.), aber uns auch untereinander kennengelernt. Die Freiwilligen in den USA begleitet Eirene, so dass ich viele auf einem Zwischenseminar wiedersehen werde. Einige, die ihren Friedensdienst in Europa machen, sind schwerbepackt angereist, da sie direkt im Anschluss zu ihrem Projekt gefahren sind. Ich habe dadurch erst realisiert, dass auch ich ein Jahr weg sein wuerde! Mir fielen Sachen ein, die ich noch erledigen musste. Ich hatte mich z.B. noch gar nicht richtig verabschiedet, da alles noch so unkonkret gewesen war. Zum Glueck war noch etwa ein Woche zu Hause Zeit, da der Flug am 24.9. sein sollte!

In der letzten Woche musste ich mich, neben den letzten Besorgungen und der Bundestagswahl, noch um mein Flug kuemmern. Ermutigt durch das Visum dachte ich, dass das kein Prolblem werden wuerde. Tatsaechlich konnte mir das Reisebuero so kurzfristig einen Flug buchen und schickte mir die Tickets mit der Post. Als dann die Tickets am Tag vor meinem Flug nicht da waren, habe ich mir Sorgen gemacht. Zum Glueck war das Meiste schon gepackt, da ich mal eben nach Koeln fahren durfte um neue Tickets abzuholen! (Wie ich spaeter erfahren habe, waren die Tickets drei Stunden nach meinem Abflug da- es lebe die deutsche Post!)

Das Abschiednehmen war fuer mich ein komisches Gefuehl, besonders dabei 'bis naechstes Jahr' zu sagen. Bei einigen war ich mir nicht sicher, ob ich sie wiedersehen wuerde – ein Jahr ist eine lange Zeit! Am 24.9. bin ich um 4 Uhr morgens zum Flughafen nach Duesseldorf aufgebrochen, verbunden mit der Befuerchtung, dass etwas beim umsteigen schiefgehen koennte.

Die Reise begann mit einer doppelten Sicherheitskontrolle, was mir einen Vorgeschmack fuer die weiteren Kontrollen in London und Dallas gab. Auf meiner ersten Teilstrecke von Duesseldorf nach London war ich viel zu aufgeregt, um ueber die Dinge nachzudenken, die ich nun ein Jahr lang nicht sehen wuerde. Da ich mit British Airways flog, waren bereits alle Anweisungen in Englisch. In London musste ich genau ueber mein Gepaeck berichten (dass uebrigens zum Glueck direkt zu dem anderen Flugzeug gebracht wurde), ob ich selber gepackt und wo ich meinen Koffer gekauft habe. Ausserdem musste ich bereits angeben, warum ich in die USA einreisen wolle. Der Sicherheitsbeamte hat sich viel Muehe gegeben, die Fragen deutlich zu stellen und mich schliesslich relativ schnell passiern lassen, da mir ein Brief von KC viele schwierigen Erklaerungen ersparte. Im Flugzeug von London nach Dallas (Texas) habe ich ein Formular zur Emmigration in die USA bekommen, dazu ein ein Zweites mit Fragen, ob ich Sachen wie Fleisch einfuehre. Eine Amerikanerin aus Newmexico, neben der ich sass, hat mir dabei geholfen und auch spaeter in Dallas, den Flug nach Colorado Springs zu finden. Waehrend der knappen 10 Stunden Flugzeit war ich beschaeftigt Filme zu gucken, Musik zu hoeren und ein wenig zu schlafen. In Dallas wurde ich in ein extra Buero gefuehrt. Der schwerbewaffnete Beamte wirkte etwas verstaendnislos, weil ich in den einen Freiwilligendienst machen wuerde, dafuer aber nicht bezahlt werde. Ohne groessere Probleme hat er mir aber dann die Aufenthaltsgenehmigung fuer ein Jahr gegeben. Danach durfte ich mein Gepaeck ca. 100m bewegen. Schon voellig an die Sicherheitskontrollen gewoehnt war ich erstaunt, dass keine mehr folgte.

Mit einer halbenstunde Verspaetung bin ich schliesslich in Colorado Springs gelandet. Da ich an jedem Flughafen die Zeit zurueckstellen musste, hatte ich sowieso jegliches Zeitgefuehl verloren. Julien und Brent (zwei Volunteers) haben mich abgeholt. Nach drei Stunden Fahrt (und Irrfahrt durch Colorado Springs) haben wir Alamosa erreicht. Sie wussten nicht die Adresse der Gastfamilie, wo ich fuer die ersten drei Wochen leben sollte. Auf der Suche wurden wir von der Polizei angehalten. Meine erste amerikanische Polizeikontrolle- und das bereits wenige Stunden nach meiner Ankunft... Ich hatte zuvor gehoert, dass man die Haende aufs Lenkrad legen und auf Anweisungen des Officers warten sollte, da z.B. eine Waffe im Handschufach sein koennte. Also sass ich etwas veraengstigt auf meinem Platz, wagte mich kaum zu bewegen und war ein bisschen nervoes, weil Brent vom hinteren Sitz ueber meine Schulter im Handschufach nach den Papieren kramte. Die Polizistin (!) hat uns aber dann netterweise zum richtigen Haus gefuehrt Um 23 Uhr Ortszeit (7 Uhr MEZ) fiel ich nur noch voellig erschoepft in mein neues Bett.

Meine erste neue Heimat/Orientation

Am naechsten morgen bin ich bereits sehr frueh aufgewacht und im laufe des Tages immer mueder geworden. Besonders in den ersten zwei Wochen hatte ich mit der Zeitverschiebung von 8 Stunden zu kaempfen. Hinzu kam, dass noch alles neu und fremd fuer mich war. Es viel mir besonders schwer die Namen zu merken. Zu meiner Verwunderung hatten die Amerikaner ebenfalls Schwierigkeiten mit meinem Namen. Soviele Spitznamen wie hier hatte ich vorher noch nie, die von "Menudo" (einem spanischen Gericht, das das innere von einer Kuh enthaelt und ich ueberhaupt nicht mag!), ueber "Audi" bis hin zum "Udo, duo, tres" reichen. Eine grosse Hilfe fuer mich war Geneva, meine "Ersatzmutter". Sie kuemmerte sich herzlich um mich und betonte, dass sie hier meine Mutter ist. (Ich sei noch so jung und soweit von Zuhause weg...). Ich fuehlte mich schliesslich auch fast wie Zuhause, da ich das Zimmer von der neunjaehrigen Enkelin bekommen hatte, Essen gekocht wurde und sie meine Waesche machte. Dort habe ich viele spanische Gerichte kennengelernt. Die Familie ist amerikanisch/ mexikanischer Herrkunft. Mit ihr war ich die ersten Sonntage in ihrer katholischen Kirche, wo viel zweisprachig (Englisch/Spanisch) gesprochen und gesungen wurde. (Den spanischen Teil konnte ich leider nicht verstehen.) Sie haben mich auch sonst netterweise immer im Auto mitgenommen. Da sie etwas ausserhalb von Alamosa wohnen, habe ich in der ersten Zeit ueberwiegehnd die Freizeit mit meiner Familie verbracht.

Geneva ist die Office Manegerin von La Puente, sozusagen Chefsekretairin, und neben dem Entgegennehmen der Anrufe auch fuer die Volunteers zustaendig. Sie fuehrte meine Orientation durch und zeigte mir verschiedenen Einrichtungen von La Puente. Ausserdem musste ich einen dicken Ordner mit den Richtlinien fuer die Volunteers durcharbeiten, in denen auch Regeln fuer die Telefongespreche (always smile: "Thank you for calling Puente/ Milagros..., how may I help you?") sowie zur Konfliktregelung zu finden waren. Ein Teil der Orientation war das Beantworten der Anrufe im Office. Da ich am Telefon nichts (!) verstand, musste ich dreimal nachfragen, bis ich am anderen Ende ein "is ok!" hoerte und die Person auflegte. Im besten Fall konnte ich die Anrufe richtig weiterleiten, was schwierig ist, wenn man die Personen nichtmal kennt. In 'Half-Days' konnte ich schliesslich ueberall reinschnuppern, um einen besseren Eindruck zu bekommen. Hier ein Ueberblick der verschiedenen Programme Puentes:

SHELTER ("Schutz"): Obdach- und Arbeitslose koennen dort voruebergehend wohnen. Ihnen wird Hilfe bei der Suche nach einem neuen Job angeboten. Sogar komplette Familien finden eine Unterkunft sowie viele Menschen, die auf der Durchreise sind. Neben Betten gibt es dreimal taeglich Mahlzeiten, zu denen jeder (auch die Volunteers) willkommen ist. Ich esse dort in regelmaessigen Abstaenden, weil es meistens wirklich gut ist. Die Gaeste helfen bei der Vorbereitung des Essens sowie beim spuelen. Ausserdem koennen sie Kleidung (Spenden) bekommen und ihre Waesche waschen.

OUTREACH SERVICE: Dieser ist in erster Linie dafuer da, Menschen vor der Obdachlosigkeit zu bewahren. Es wird Miet- und Hypothek Unterstuetzung geboten, im Winter mit Heizmaterialien ausgeholfen und wichtige Sachen wie Betten, Matratzen oder auch Schulsachen koennen abgeholt werden. Wichtig fuer die Mitarbeiter im Outreach Programm ist im Gespraech herauszufinden, wie den Menschen geholfen werden kann.

ADELANTE: Hier werden Eltern (ueber 18) mit ihren Kindern betreut. Den Erwachsenen wird geholfen sich weiter fortzubilden, u.a. ein 'Jobtraining' (Bewerbungshilfe), zur Sicherung ihrer Existenz. Ausserdem muessen sie im Rahmen des Programms einen Kurs fuer Eltern besuchen, damit sie iheren Kindern die besten Moeglichkeiten bieten koennen. Ein spezielles Programm fuer die Kinder "Positive Activities Lift the Spirit" (PALS) bietet z.B. die Betreuung nach der Schule oder ein Sommerprogramm an.

RAINBOWS END: ist ein "Community Thrift Store" von Puente und gibt es ausser in Alamosa auch noch in der Nachbarstadt Monte Vista. Es ist ein second hand Laden, der neben Kleidung alles Moegliche verkauft. Die hauptsaechliche Arbeit fuer die Volunteers dort besteht im (Aus-) Sortieren der Spenden fuer den Laden. Dort kann man billig in der Regel gute Sachen finden. Der Erloes geht an Puente. Es gibt noch andere Geschaefte, wie z.B. eine Boutique, die bessere Ware (Spenden und Gekauftes) hat.

Drei Tage in der Woche arbeite ich im MILAGROS COFFEEHOUSE: Auch der Gewinn von Milagros geht an Puente. Wir verkaufen nebenbei gespendete Buecher, CDs, Caffee und Tee oder Tassen. Zudem traegt das Caffee zur Oeffentlichkeitsarbeit Puentes bei, da dort Broschueren und Newsletters auf den Tischen ausliegen. Es kommt vor, dass daraufhin Gaeste von Puente so begeistert sind, dass sie hohe Summen spenden. Im Caffee finden ausserdem Konzerte und verschiedene Treffen statt. Ich muss zunaechst lernen, wie die Getraenke gemacht werden. Dabei kommt es vorallem auf die richtige Mischung an, da die meisten Getraenke auf dem "Latte" (Espresso, aufgehitzte Milch und Schaum) basieren. Spaeter werde ich Sandwiches zubereiten koennen. Kompliziert ist, dass es mehrer Begriffe fuer eine Sache gibt und einige Leute undeutlich sprechen. Mit der Zeit lerne ich aber die Stammkunden mit ihren Gewohnheiten kennen. Dort sprechen mich auch die meisten Leute auf Deutschland an. Viele koennen sogar mit Duesseldorf etwas anfangen. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Hygiene. Ich wasche oft Geschirr und v.a. die Reinigung des gesamten Caffees nach dem Schliessen ist zeitaufwendig. Dabei legen aber nicht alle Volunteers den gleichen Wert auf Sauberkeit. So bin ich hauefig erst eine Stunde spaeter zu Hause, manchmal deutlich frueher. In der Regel arbeite ich 8 Stunden und beginne erst um 11 Uhr. Dort kann ich zwischendurch umsonst essen.

Meine andere Arbeitsstelle ist die EMERGENCY FOODBANK: Im Valley gibt es alleine 12 (!) Einrichtungen. Familien und Alleinstehende koennen dort nach einem bestimmten Punktesystem sechsmal im Jahr Lebensmittel bekommen. Die Foodbank bekommt regelmaessig Essen gespendet, oft vom Supermarkt, Kirchen und Privatpersonen. Wir koennen deshalb viel an die anderen Puente- und sozialen Einrichtungen verteilen. Meine Arbeit kann kann in zwei Bereiche eingeteilt werden. Vormittags ist die Foodbank fuer die Kunden geschlossen. Ich helfe mit die Regale aufzufuellen, Spenden vom Supermarkt abzuholen (u.a. Brot, Kuchen, Milchprodukte, Salat), Essen zu verteilen und die Lagerhalle der Foodbank zu organisieren (sprich Kisten schleppen). Dort gibt es soviele Palletten mit Buechsen und Kartons, dass eine gute Uebersicht notwendig ist. Manchmal kommt sogar ein ganzer Truck mit Spenden. Eine weitere Aufgabe, was ich bisher einmal mitgemacht habe, ist "gleaning". Dies bedeutet mit der Hand auf dem Feld Kartoffeln einzusammeln, die spaeter an die Menschen in der Foodbank und auch an das Shelter verteilt werden. Am Nachmittag helfe ich den Menschen beim Auswaehlen der Lebensmittel. Dazu bekommen sie Sachen aus dem Kuehlschrank, Kartoffeln und Brot. Fuer die Statistik muessen einige Angaben in den Computer eingegeben werden. Meine Arbeitzeiten dort sind von 8 Uhr bis etwa 4 Uhr.

Alamosa/ San Louis Valley

Alamosa wuerde ich als Kleinstadt bezeichnen mit etwa 10 000 Einwohnern. Es gibt alles, was man so braucht. Alamosa hat immerhin ein kleines College und einen regionalen Flughafen. Das Strassensystem ist fast quadratisch, wobei die Querstrassen durchnummeriert sind. Das macht die Orientierung sehr einfach. Allerdings sind diese sehr lang, so dass die Hausnummern (bis in den vierstelligen Bereich) wichtig sind. Ein Fluss durchbricht das Muster, hat aber zur Zeit wenig Wasser. Mitten durch die Stadt fuehren ungesicherte Eisenbahnschienen, auf denen gelegenlich ein Gueterzug durchrollt. Es gibt einige Farmer (weiss), bei denen die meisten hier lebenden Spanier und Mexicaner arbeiten. Die Naehe zu New Mexico ist deutlich spuerbar. Die Menschen sind im Durchschnitt sehr arm. Viele haben Probleme mit der englischen Sprache. Auch die Namen sind ueberwiegend spanischen Ursprungs (z.B. „La Puente“= Bruecke). Alamosa liegt im San Louis Valley, das ringsherum von den Auslauefern der Rocky Mountains umgeben ist. Das Valley selber ist ca. 2200m ueber dem Meerespiegel und die Berge (30km von Alamosa entfernt) sind nochmal 2000m hoeher. Da ringsherum die Gegend platt ist und aufgrund der Hoehe die Luft duenner, bereiten sich hier die Lauefer auf die olympischen Spiele vor, wie ich erfuhr. Vom Wetter ist es hier ueberwiegend trocken. Die Menschen hoffen in diesem Winter auf viel Schnee, da die meisten Seen und Fluesse voellig ausgetrocknet sind. Durch die Sonne ist es aber, obwohl schon fast November ist, noch warm und nachts kuehlt es sich drastisch ab. In der Umgebung von Alamosa gibt es mehrere Nationalparks. Ich habe bereits die Sanduenden kennengelernt, die duch natuerliche Winde entstehen. Vor den Bergen hat sich der Sand angesammelt. Viele Leute erklimmen die Sandberge oder bringen sogar Plastikschlitten mit.

Amerikanische Mentalitaet/ Sprache

Als erstes ist mir die Offenheit und Freundlichkeit der Leute hier aufgefallen. So wird man von allen Seiten mit "How are you?", und "How is it going?" angesprochen (dabei spielt es uebrigens keine Rolle, ob man die Leute kennt), oder auch mit "What's up?" (wenn man sich besser kennt, eher kumpelhaft). Bei der Antwort reicht immer ein "good" oder "i'm fine" aus. An dieser Stelle koennte man kritisch anmerken, dass dieses rein oberflaechlich sei. Ich merke aber, dass durch die froehliche Art dieser Frage der Beginn eines Gespraeches leichter wird. Ausserdem tut es gut Menschen zu sehen, die hauefig laecheln – in Deutschland wird es eher als Belaestigigung angesehen, wenn man angesprochen wird. Hier wird sich ausserdem mehr bedankt, als ich es aus Deutschland kenne. Fuer mich ungewoehnlich ist darauf das "you are welcome" zu hoeren.

In Amerika herrscht allgemein ein ungezwungener Umgang. Zum einen gibt es keinen Unterschied zwischen du und Sie (im englischen gibt es nur "you") und der Vorname wird meist als erstes genannt.

Die Amerikaner besitzten, wie ich bestaetigen kann, ein unglaublich starkes Nationalgefuehl. Dies wird mir immer wieder bewusst, wenn ich die fielen amerikanischen Flaggen an Hauesern, Wimpel, Aufkleber und T-Shirts sehe. Nach meinem Geschmack tendiert dieses Nationalgefuehl zu sehr zur Ueberheblichkeit. Einige Amerikaner sagen von sich selber: "We americans are crazy!"

Das Pressewesen ist, wie ich feststellen konnte, in Alamosa nicht so beruehmt. Neben der "Valley Post" ist das Beste die "Denver Post", in der es ueberwiegend nationale Nachrichten gibt. Die nationalen Nachrichten stehen eindeutig im Vordergrund. Ueber Politik wird sich ueberhaupt wenig unterhalten. Auf Nachfrage habe ich rausgehoert, dass die Menschen hier durchaus kritisch gegenueber eines Krieges der USA gegen den Irak sind. Fuer mich ist der Nachrichtenletter der tagesschau eine gute Informationsquelle.

Erwaehnenswert ist die Esskultur. Ich konnte hier ziemlich schnell viele Sitten und Gebraueche, die ich gelernt habe, vernachlaessigen. Ob die Haende auf dem Tisch sind spielt keine Rolle und ein Messer wird erst gar nicht aufgedeckt. Fuer viele Sachen braucht man schliesslich auch kein Messer, da Hamburger und Sandwiches durchaus zu den gaengigen Gerichten zaehlen. Viele Menschen sind aufgrund der Nahrung und zu wenig Bewegung richtig fett. Das Vorurteil "alle Amerikaner sind fett" muss ich jedoch widerlegen. So gibt es hier 'low fat' Produkte zu Hauf. Besser schmecken sie deshalb aber nicht unbedingt.

Ein wichtiger Aspekt der amerikanischen Kultur ist das Auto. Die Amerikaner lieben Autos, bzw. ihre kleinen Trucks. Die Meisten fahren mit alten Fahrzeugen, die der Tuev in Deutschland sicher schon laengst aus dem Verkehr gezogen haette. Als Fussgaenger muss man an den Ampeln aufpassen, weil man bei rot rechts abbiegen darf. Warum soll man auch nicht neben dem Drive in, was in Deutschland bekannt ist, die Briefe vom Auto aus in den Briefkasten werfen koennen oder bei der Bank das Geld vom Auto aus ziehen?

Mit der Sprache habe ich erstaunlich wenig Schwierigkeiten. Ich kann fast alles verstehen, allerdings sprechen einige ein sehr undeutliches und auch schlechtes Englisch. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich perfekt Englisch sprechen koennte. Mich ermutigt allerdings, dass ich mich doch ueberwiegend verbal verstaendigen kann.

Volunteer Haus

Nach den drei Wochen bei Geneva bin ich in das Volunteer Haus umgezogen. Es ist direkt neben dem Shelter und Office, was vielerlei Hinsicht praktisch ist. Auch der Weg zur Arbeit ist kuerzer. Allerdings bekomme ich keine Mahlzeiten mehr gekocht. Zur Zeit komme ich noch mit dem Essen aus, was ich im Shelter und in Milagros kriege. Dies wird aber sicher keine Loesung fuer die Dauer bleiben. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft zu kochen und zu backen. Das Volunteer Haus teile ich mit Adrienn, die ebenfalls durch die UCC ihren Freiwilligendienst macht und aus Ungarn kommt, sowie mit Sarah und Beath (aus den USA). Adrienn kann ein wenig Deutsch, so dass wir hier uns nahezu in drei Sprachen verstaendigen koennen. Auf grund des spanischen Einflusses werde ich ausserdem auch etwas diese Sprache lernen. Beath hat ein abgetrenntes Apartment fuer sich. Ich habe hier mein eigenes Reich, waehrend wir die anderen Raueme der Wohnung teilen. Wir haben immerhin einen Videorecorder und einen Computer mit Internetanschluss. Beides wird regelmaessig genutzt. Da Adrienn und ich erst 19 sind, duerfen wir hier leider nicht Auto fahren. Dabei ist nicht der Fuehrerschein das Problem, sondern die Versicherungen wollen nicht so gerne Personen unter 21 versichern. Wir versuchen deshalb zusammen eine private Versicherung fuer wenigstens ein Auto zu bekommen – die Puente Autos duerfen wir nicht fahren, da sie kommerziell versichert sind. Die Kosten koennten wir uns teilen. Ein Auto waere v.a. fuer die Ferientage wichtig, um aus Alamosa rauszukommen. Sarah und Beath haben eins.

Ich versuche, wenn ich spaeter arbeiten muss, moeglichst viel vor der Arbeit zu schaffen. Die Buecherei (wo ich kostenlos ins Internet kann und eine schnellere Verbindung habe), Bank und Post haben meistens nur bis fuenf auf, die Geschaefte laenger. (Im Unterschied zu Moenchengladbach haben die Geschaefte allerdings auch sonntags geoffnet.) Gerade die Arbeit in Milagros ist sehr anstrengend, dass ich danach nur noch schlafen moechte. Ansonsten versuche ich hier regelmaessigen Sport als ausgleich zur Arbeit in meinen Alltag einzubauen. Ab naechsten Monat werde ich, fuer jedeglich 15$ im Monat, Mitglied im oertlichen Fitness Club werden. Dort stehen mir neben Gewichten und Laufband ein Wirlpool, Racket Ball (vergleichbar mit Squash) und vielleicht sogar Karate (!) zur Verfuegung.


Mehr Info: EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst